| Wie entstand eigentlich die Judenfeindlichkeit? Startseite
Irgendwann stellte ich mir die Frage, wie entstand eigentlich die Judenfeindlichkeit? Wie man sehen kann, begann die Judenfeindlichkeit bereits etwa 1.300 bis 1.500 Jahre vor Christi Geburt. Die ersten Quellen für die Judenfeindlichkeit sind im 2. Buch Moses in der Bibel zu finden, welches bereits etwa um 440 v. Chr. fertiggestellt wurde. Dort wird vom Auszug der Juden aus Ägypten berichtet. Wenn die Beschreibung des Auszuges der Juden aus Ägypten auch mit vielen Fragezeichen versehen ist, so kristallisierten sich für mich drei wesentliche Gründe für die Judenfeindlichkeit heraus. Zum einen beinhaltet die jüdische Religion eine Gesellschaftskritik, die sich für die Belange der Schwächeren einsetzt. Den zweiten Grund für die Judenfeindlichkeit sehe ich im Neid, den die geschäftlich oft sehr erfolgreichen Juden bei einigen Menschen hervorrufen. Ein dritter Punkt, der mit zur Judenfeindlichkeit beigetragen haben könnte, ist der Vorwurf, die Juden würden sich als auserwähltes Volk betrachten. Mit dem Erscheinen von Jesus von Nazareth erhob das Christentum allerdings ebenfalls für sich den Anspruch, das auserwählte Volk Gottes zu sein. Hatten alle Religionen vor der jüdischen Religion im wesentlichen die Funktion, die jeweilige Herrscherkaste zu legitimieren bzw. sie zu Gottkönigen hochzustilisieren, so war die jüdische Religion die erste, die sich der Unterdrückten annahm und ihnen ein Sprachrohr verlieh. Dieses musste natürlich von den Herrschenden als Rebellion aufgefasst werden. So ist es also gar nicht weiter verwunderlich, dass die jüdische Religion von allen Diktatoren und denen, die davon profitierten, auf's Äußerste bekämpft wurde. Somit ist die jüdische Religion für mich auch Ausdruck eines Klassenkampfes zwischen den Privilegierten einerseits und den Unterdrückten andererseits. Meiner Meinung nach beruht die Judenfeindlichkeit in erster Linie auf der Auflehnung gegen die verhasste ägyptische Pharaonen-Diktatur, die symbolisch für alle Diktaturen steht, als auch auf der Entmachtung der Staatsgötter, auf der Ablehnung gegen eine Klassengesellschaft und einer Rechtsordnung, die die Schwachen schützt. In diesem in der Antike einmaligen Glauben und Widerspruch der jüdischen Religion zu den Gottkönigskulten der antiken Imperien ist eine Ursache der späteren, teilweise systematischen Judenfeindschaft der griechisch-römischen Oberschichten zu finden. Schon die antike Judenfeindlichkeit der Ägypter, Römer und Griechen führte dazu, dass die Juden aus Palästina auswanderten und sich in aller Welt in sogenannten Diasporas, in kleinen jüdischen Stadtvierteln ansiedelten, in denen sie ungestört ihre religiösen Bräuche praktizieren konnten. Da sie meist geschäftlich sehr erfolgreich waren, rief dies schon bald viele Neider auf den Plan. Da die Juden außerdem in der Fremde immer zu einer Minderheit gehörten, waren sie stets der Willkür der jeweiligen Regierungen ausgeliefert. Kam eine monarchistische oder nationalistische Regierung an die Macht, die den Juden nicht wohlgesonnen war, so kam es immer wieder zu Übergriffen an den Juden. Dabei war der Neid ein wichtiges Motiv und die Pogrome endeten oft damit, dass man die Juden enteignete, vertrieb und ermordete um sich an ihrem Eigentum zu bereichern. Der Auszug der Juden aus Ägypten Top Der wichtigste Aspekt für die Juden und für das Entstehen der Judenfeindlichkeit, ist wohl der Auszug der Juden aus Ägypten. Dieser Auszug wird im allgemeinen als Exodus bezeichnet. Über das Datum des Auszuges der Juden aus Ägypten scheint in der Wissenschaft keine Einigkeit zu bestehen. Die einen meinen, dieser Auszug hätte etwa im 15. Jahrhundert vor Christus, die anderen sagen, er hätte vielleicht bereits 1469 oder 1458 v. Chr. vor Christus stattgefunden. Genau so wenig Einigkeit besteht über die Frage, ob es wirklich Juden waren, die aus Ägypten auszogen. Weiter besteht Uneinigkeit über den Grund dieses Auszuges aus Ägypten, über den Zeitraum, in dem dieser Auszug stattfand, und über den Weg, den dieser Auszug nahm. Es ist nicht einmal sicher, ob dieser Auszug aus Ägypten überhaupt stattfand. Beim Zeitraum des Auszuges stellt sich die Frage, war es ein einmaliger Auszug, eventuell mit einem längeren Aufenthalt in der Wüste Sinai, oder zog er sich über eine längere Periode hin, also über viele Jahre? Und beim Weg dieses Auszuges stellt sich die Frage, wanderten die Menschen wirklich nur in das heutige Israel aus oder zogen sie auch nach Südwestarabien (zwischen Mekka und Saba), wie einige Forscher meinen. Selbst über den Grund des Auszuges der Juden aus Ägypten besteht Uneinigkeit. Die einen vermuten, das der Grund des Auszuges in der Sklaverei zu suchen ist. Die Ägypter sind ja für ihren Pyramidenbau bekannt. Wahrscheinlich haben sie ihre Sklaven nicht gerade mit Samthandschuhen angefasst. Außerdem hatten die Ägypter etliche Völker und Stämme unterworfen und unterjochten sie dementsprechend. Bei dieser Gelegenheit möchte ich gleich einmal einfließen lassen, dass mir die ganze Ägyptenhysterie, bzw. die Glorifizierung der altägyptischen Mythologie, ohnehin schon lange auf den Keks geht. Wenn die Ägypter nämlich in Wirklichkeit solche Tyrannen waren, dann habe ich für die Flucht aus Ägypten großes Verständnis. Die einzige Quelle die diesen Auszug dokumentiert, scheint übrigens die hebräische Bibel zu sein. Das Problem der Überlieferung des Auszuges der Juden aus Ägypten ist, dass es außer der Bibel keinerlei Quellen gibt, die die Existenz eines jüdischen Bevölkerungsteils (angeblich waren 25 Prozent der Ägypter Juden) oder aber deren Auszug bestätigt. Wenn in der Bibel von Hebräern die Rede ist, sind damit die Angehörigen des Volkes Israel gemeint. In der Bibel steht, dass die Hebräer, die als rechtlose Arbeiter der untersten sozialen Schicht bezeichnet werden, im 13. oder 15. Jahrhundert vor Christus vor dem Fron der ägyptischen Pharaonen aus Ägypten auswanderten. Für möglich gehalten wird vielfach auch, dass es zwar einen Auszug gegeben hat, nicht jedoch den eines ausschließlich jüdischen oder hebräischen Volkes und nicht unbedingt zeitlich deckungsgleich mit den Angaben im Alten Testament. Ebenso könnte es sich um in Opposition zum ägyptischen Regime stehende ägyptische Monotheisten oder einfach um eine größere Gruppe aufständischer bzw. geflohener Sklaven unterworfener Länder gehandelt haben. Als Monotheismus bezeichnet man übrigens Religionen, die nur einen allumfassenden Gott anerkennen. Das Judentum, das Christentum und der Islam sind monotheistische Religionen. In der ägyptischen Mythologie dagegen bestand eine Göttervielfalt. Wieder andere Theorien gehen davon aus, das der Auszug von Anhängern des gestürzten (nicht verstorbenen!) Königs Echnaton (oder zumindest eines seiner zwischenzeitlich zu Ministern aufgestiegenen ausländischen Berater) sein könnte. Da eine gewisse Anzahl dieser oppositionellen Monotheisten auch aus Kanaan (aus Palästina) stammte, entschloss man sich (eher zufällig) zur Flucht in eben dieses Nachbarland. Nach diesem Auszug sei dann aus Echnatons Thronnamen "Tutmosis" schließlich "Moses" geworden. Aber für diese beiden letzten Thesen gibt es nicht den geringsten Beweis, ebenso wenig wie für den Auszug aus Ägypten selbst. Und nun kommt etwas, was mir offensichtlich für die Judenfeindlichkeit ein wichtiges Motiv zu sein scheint, oder vielleicht sogar deren Ursache ist. Die Juden scheinen ein Volk gewesen zu sein, dass sich gegen die Obrigkeit erhoben hat, bzw. sich vor ihren Unterdrückern aus dem Staub gemacht hat. Soll es bei den mexikanischen Mayas nicht etwas ähnliches gegeben haben? Fortan scheint also das Judentum ein Symbol für Revolution und Aufstand gegen die Herrschenden geworden zu sein. Darum haben sich offenbar sehr viele Monarchen aller Jahrhunderte die Juden zum Feind auserkoren. Der Adel liebte seine Untertanen halt nur, solange sie ruhig und fügsam waren und sich leicht unterjochen und ausbeuten ließen. Bei Pharao Echnaton oder den Persern diente der Gott der Stabilisierung der Macht. Dagegen wurde mit dem Auszug der Juden aus Ägypten ein Gott anerkannt, der sich "der Elenden erbarmt“! Daraus resultierte für Israel Herrschaftskritik und Sozialgesetze zum Schutz von Fremden und Schwachen. So einen Gott für Unterdrückte gab es im ganzen Orient nicht. Und das musste natürlich zwangsläufig die ägyptische Obrigkeit, und mit ihr wohl alle Obrigkeiten aller Zeiten, auf den Plan rufen. Darum ist die Judenfeindlichkeit in meinen Augen eigentlich eher auf machtpolitische, gesellschaftspolitische, soziale und juristische Aspekte, als auf religiöse Differenzen zurückzuführen. Im Orient war der Herrscher als Gottessohn durch die Religion gestützt, aber das Volk Israel glaubte sich selbst als Sohn Gottes, darum musste ihr König die Gebote über sich anerkennen und konnte von daher kritisiert werden. Das war natürlich in Ägypten unvorstellbar. Sogar ein Aufstand gegen Salomons Sohn (926 v. Chr.), dem vierten König von Israel, wurde möglich, weil dieser den Frondienst verschärften wollte. Die Befreiung aus Ägypten ist aber nicht nur wegen der abgeschüttelten körperlichen Sklaverei, als vielmehr auch vom Geistigen her zu betrachten. Das Volk Israel sollte von allen fremden Einflüssen befreit und dem Dienst an Gott geweiht werden. Quelle: Auszug der Juden aus Ägypten Neid ist ein wichtiger Aspekt für die Judenfeindlichkeit Top Ein wichtiger
Aspekt für die Judenfeindlichkeit
scheint der Neid auf die Juden zu sein. Die Juden waren offensichtlich
immer schon gute Geschäftsleute, die es verstanden, sich Reichtum und
einen angenehmen Lebenswandel zu verschaffen. Dies lag unter anderem
daran, dass sie nicht an dem althergebrachten festhielten, sondern
ihren Blick nach vorne orientierten und offen für fortschrittliche
Ideen waren. Andererseits gab es natürlich immer wieder Menschen, die
neidisch auf diesen Wohlstand der Juden waren, selbst wenn sie selber
sehr vermögend waren. Aber gerade die bekommen ja bekanntlich den Hals
nicht voll genug.
Der Zusammenhalt der Juden durch die jüdische Religion Top Palästina wurde
im Laufe der Jahrhunderte immer wieder besetzt: von Ägyptern, Assyrern,
Babyloniern, Persern, Medern, Griechen und Römern. Aber das war ja
eigentlich nichts außergewöhnliches. Durch das Machtstreben der
Herrschenden gab es wohl kaum ein Land auf der Welt, das nicht
pausenlos von Kriegen überzogen wurde.
Ägyptischer und griechischer Antijudaismus Top Im Verlauf der sich zuspitzenden politischen
Konflikte zwischen Ägypten und den Juden verstärkte sich auf beiden
Seiten die wechselseitige religiöse und kulturelle Ablehnung. In
Alexandria (Ägypten) wurde seit dem Bekanntwerden der Bibel (die 5
Bücher Moses wurden bereits etwa um 440 v. Chr. fertiggestellt) eine
antijüdische Hetze entfacht. Die heidnische Bevölkerung betrachtete das
2. Buch Mose der Bibel, das den Auszug der Juden aus Ägypten
beschreibt, als anti-ägyptische Propaganda.
Die christlich-römische Judenfeindlichkeit Top Zunächst stand die römische Besatzungsmacht den Juden offenbar noch recht wohlwollend gegenüber. Der eigentliche Terror gegen die Juden begann erst im Jahr 6 nach Christi Geburt. 64 v. Chr. eroberte der römische Politiker und Feldheer Pompeius Palästina für die Römer. Zunächst schützten die Römer die Privilegien der Juden in ihrem Reich. Doch mit dessen Ausdehnung mussten sie ihre Herrschaft stärker zentralisieren. Rückhalt dafür
gewannen die römischen Kaiser oft nur, wenn sie sich das Wohlverhalten
einiger Völker erkauften und auf deren Wünsche eingingen. Diese
„Toleranz“ ging mit der Durchsetzung des Kaiserkults einher, den Juden
nicht ohne religiöse Selbstaufgabe anerkennen konnten. Beim Kaiserkult
brachte man den toten oder lebenden Herrschern Opfer dar, betete ihr
Bildnis an und machte sie dadurch zu einem Gottkönig. Infolge ihrer
Ausbreitung wurde der Kaiserkult bald zu einem Mittel, Staatsloyalität
einzufordern. Wer ihn verweigerte, schloss sich damit aus der
Gesellschaft aus und galt leicht als "Hasser des Menschengeschlechts"
(odium generis). 41 n. Chr. wollte
der römische Kaiser Caligula (Caesar) seine Kolossalstatue im Tempel
aufstellen lassen. Das hätte zum Krieg geführt. Er wurde vorher
ermordet. Sein Nachfolger Claudius versuchte die wachsenden Spannungen
vergeblich zu mildern. Es folgten drei Aufstände der Juden gegen die
Römer: der Jüdische Aufstand 66 bis 73, der Aufstand in Alexandria 115
bis 117 und der Aufstand Simon Bar Kochbas, ein jüdischer
Militärführer, der den Aufstand gegen die Römer von 132 bis 135 nach
Christus anführte Im Jahre 66 n. Chr. eskalierte der Konflikt der Juden mit den römischen Besatzern. In Caesarea kamen nach Angaben von Josephus bei religionsbedingten Spannungen 20.000 Juden ums Leben. Die folgende Entweihung des Jerusalemer Tempels durch die Römer sowie die Forderung nach einem Schutzgeld erbitterte alle jüdischen Fraktionen, und führte zum landesweiten Aufstand. Dieser wurde von den Römern zerschlagen, und endete nach einer 6-monatigen Belagerung Jerusalems, im September des Jahres 70, mit der Zerstörung Jerusalems mitsamt des Tempels. Alle in Jerusalem gefundenen Menschen wurden von den Siegern getötet. Josephus schätzte die Zahl der Opfer auf über eine Million Menschen. Die Nazis waren also nicht die ersten, die einen Massenmord an den Juden vollbrachten. Nach dem dritten
Krieg gegen die Römer verloren die Juden auch noch ihr Recht auf
Wiederansiedelung in Jerusalem und die relative staatliche Autonomie.
Palästina wurde direkter römischer Verwaltung unterstellt, seine
Bewohner wurden großenteils ermordet, vertrieben oder verhungert. Die
restlichen Juden wurden im ganzen römischen Reich zerstreut. Die ägyptische
antijüdische Polemik wurde von Roms Dichtern nahtlos übernommen:
Cicero, Seneca, Quintilian, Juvenal u. a. griffen Motive daraus auf und
verbreiteten sie. Damit trug also auch das Christentum fleißig zur
Verbreitung der Judenfeindlichkeit
bei. Bei Tacitus etwa hieß es zudem, Juden seien „den Göttern verhasst“
und „den übrigen Religionen entgegengesetzt“. Darum muss man hier von
einem antiken Antijudaismus in Roms Bildungsschicht des 1. Jahrhunderts
sprechen. Dieser verschärfte sich nach den Niederlagen der Juden in
Israel. Er lag schon vor, als das Christentum entstand und wurde dann
von ihm übernommen, um sich gegenüber den Römern von den Juden
abzugrenzen. Die Judenfeindlichkeit im christlichen Europa Top Während die ägytische Polemik gegen die Juden sich leicht als Verzerrung der Bibel widerlegen ließ, entzog die frühe christliche Theologie den jüdischen Religionswissenschaftlern diese Basis. Sie behauptete mit dem Erscheinen des Messias Jesus von Nazaret eine Erfüllung der alttestamentlichen Verheißungen zu besitzen, die Israels Heilserwartung überholt und beendet habe. Daher sei die Erwählung zum Volk Gottes nun auf die übergegangen, die an Jesus Christus glauben. Nachdem die Römer unter Kaiser Titus den jüdischen Tempel in Jerusalem* im Jahre 70 n. Chr. zerstört hatten, wurde aus der selbstgewählten innerjüdischen Abgrenzung durch das Christentum bald eine antijudaistische Theologie, die gegenüber Römern auch auf die hellenistisch-römische Polemik gegen Juden zurückgriff. Nun bekamen diese Zerrbilder ein neues Fundament: Israel wurde grundsätzlich jeder eigene Zugang zum Heil abgesprochen. Die griechischen Alexandriner (von Alexander dem Großen) hatten die Juden vertrieben, weil die "Seuche" ihres Erwählungsbewusstseins sich nicht mit ihren hellenistisch-kosmopolitischen Vorstellungen vertrug: Die christliche Theologie ging dagegen den Weg der völligen theologischen Enteignung Israels. Damit war der Grund gelegt für die durchgängige Judenfeindlichkeit im christlichen Europa. Dies führte in der Antike nicht sofort zur Ausgrenzung der Juden, wohl aber zu einer Veränderung der Lage des Juden, die außerhalb Israels lebten: Nun sahen sich die Juden im römischen Reich nicht nur einem feindlichen Staat, sondern auch einer konkurrierenden Religion gegenübergestellt, die dieselben religiösen Traditionen für sich beanspruchte wie sie selbst, diese aber gegen das Judentum wendete. Dennoch versuchten die verschiedenen christlichen Kaiser teils die römische Rechtstraditon zu bewahren und erließen auch Schutzvorschriften für Juden. Dies wurde besonders nach der Konstantinischen Wende notwendig. Die Konstantinische Wende machte die orthodox-katholische christliche Kirche aus einer staatlich diskriminierten und phasenweise blutig verfolgten zu einer zunächst geduldeten, dann rechtlich privilegierten Institution. Als Folge der Konstantinischen Wende wurden die jüdischen Gemeinden als früher teilweise rechtlich privilegierte Minderheit nun mehr und mehr an den Rand gedrängt, verachtet und ausgegrenzt. * Die Existenz Jerusalems als kanaanäischer Stadtstaat ist durch ägyptische Quellen übrigens seit dem 18. Jahrhundert v. Chr. als "Uruschalim" belegt. Der Name Uruschalim/Jerusalem bedeutet "Stadt des Friedens". Gegen Ende des 2. Jahrtausends v. Chr. gehörte die Stadt nach dem biblischen Bericht den Jebusitern (kanaanitischer Stamm). Der jüdischen Bibel nach eroberte König David Jerusalem von diesen um das Jahr 997 v. Chr., er machte sie zur "Davidsstadt" und zum politischen und religiösen Mittelpunkt des Israelitenreiches. Für die jüdische Religion und Kultur ist Jerusalem seitdem Zentrum und Hauptstadt. Sein Sohn, König Salomo (um 969 bis 930), erbaute einen Palast und einen ersten Tempel für Jahwe (jüdische Bezeichnung Gottes). Der Tempelberg ist heute der islamischen Waqf (islamische Stiftung) unterstellt, Ausgrabungen sind dort nicht möglich. Der Waqf erstellt illegalerweise eine neue Moschee in den sogenannten Ställen Salomos. Bei diesen Bauarbeiten werden unkontrolliert Überreste der beiden jüdischen Tempel zerstört. Quelle: Judenfeindlichkeit Judenfeindlichkeit von der Spätantike bis ins 18. Jahrhundert Top Die kirchliche
Unterdrückung hatte das Judentum Jahrhunderte lang in ganz Europa
isoliert. Zudem wurden Juden gezielt ausgegrenzt und sogar in Pogromen
misshandelt und ermordet. Erste Judengesetze, die in den folgenden
Jahrhunderten ähnlich übernommen wurden, erließ Justinian 564 im Corpus
iuris. Seit der Spätantike war den Juden der Erwerb von Landbesitz und
damit ein Leben als Bauer verboten, seit dem 9. Jahrhundert schlossen
christliche Zünfte sie von allen „ehrenwerten" Berufen aus. Voltaire (1694–1778) führte das Christentum auf seinen jüdischen Ursprung zurück und lehnte beide Religionen von Grund auf ab. In seinem Werk finden sich wiederholt Ausfälle gegen Juden als „betrügerische Wucherer“, „diebische Geldverleiher“, den „Abschaum der Menschheit“ usw.. Voltaire hielt diese Züge gar für angeborene, unveränderliche Eigenschaften der Juden. Trotzdem verteidigte er auch ihre Gewissensfreiheit und protestierte gegen damalige religiöse Verfolgungen. Ähnlich wie Voltaire urteilte der Aufklärer Georg Christoph Lichtenberg (1742–1799) über „den Juden“: Er sei …"ein unersättlicher, habgieriger Betrüger, besessen von einem skrupellosen Handels- und Schachergeist"…, amoralisch, gerissen, hinterhältig und schmarotzerhaft. Er halte sich für viel zu intelligent, sei "ausgesprochen anpassungsfähig, nutzlos und schädlich für die Umwelt", ein Paradigma des Bösen und eine Identifikation des Minderwertigen. So verglich er die Juden in seinen Sudelbüchern öfter mit Sperlingen, die damals als schlimme Flurschädlinge galten und massenhaft bekämpft wurden. Sogar Immanuel Kant (1724–1804), der wie Goethe jüdische Mitbürger zu seinen besten Freunden zählte und in seinem Sittengesetz biblische Grundgedanken vernunftgemäß entfaltete, nannte Juden „Vampyre der Gesellschaft“ und meinte 1798: "Die unter uns lebenden Palästinenser sind durch ihren Wuchergeist seit ihrem Exil in den nicht unbegründeten Ruf des Betruges… gekommen." Er kannte wenig vom Judentum, grenzte es aber scharf gegen das überlegene Christentum ab. Er forderte von den Juden die Abkehr von ihren Ritualgesetzen und ein öffentliches Bekenntnis zu einem ethischen Gottesglauben, also zu seiner Vernunftreligion. Erst dann könnten sie Anteil an „alle(n) Rechte(n) des bürgerlichen Zustandes“ erhalten. Auch Johann Gottfried Herder (1744–1803) hielt die Juden für „verdorben“, „ehrlos“ und „amoralisch“. Er glaubte, dass nur Erziehung sie bessern könne, und forderte kaum verhohlen die Selbstaufgabe des Judentums als Voraussetzung für seine nationale und kulturelle Integration in die jeweilige Nation. Von den wichtigen Theoretikern der Aufklärung war nur der französische Schriftsteller und Staatstheoretiker Montesquieu bereit, das Judentum in seiner Eigenart anzuerkennen. Im Rahmen der Aufklärung zeigte sich in dem berühmten "Toleranzpatent" Kaiser Josephs II. vom 2. Januar 1781, das den Juden die Leibmaut (eine Kopfsteuer) erließ, die „Judenhäuser“ aufhob, in denen sie ghettoisiert worden waren, und ihnen weitgehende Gewerbefreiheit zugestand, „jedoch ohne Bürger- und Meisterrecht, wovon sie ausgeschlossen bleiben", wie das Patent eigens betonte. Diese neuen
Freiheiten erkauften die Juden aber mit der Pflicht, ihre Kinder auf
deutschsprachige, also meist christliche Schulen zu schicken. Auch ihre
Berufe durften sie nur bei christlichen Meistern lernen. Ziel war also
nicht die Toleranz, wie der Titel des Patents suggerierte, sondern die
Juden „dem Staate nützlicher und brauchbarer zu machen“. Dies war
Kaiser Josephs großem Ziel untergeordnet, aus den multi-ethnischen
Besitzungen der Habsburgermonarchie ein zentralistisch verwaltetes
Reich mit deutscher Staatssprache zu machen. Zu diesem Zweck sollten
auch die jddisch sprechenden Juden an die christlich- deutsche
Leitkultur angepasst werden. Quelle: Antisemitismus Judenfeindlichkeit in Romantik und Idealismus Top Intellektuelle deutsche Idealisten und Romantiker wie Friedrich von Schlegel und Friedrich Schleiermacher waren zwar oft Demokraten und Förderer der Allgemeinbildung, zugleich aber auch glühende anti-aufklärerische Patrioten und Judengegner. Auch Johann Gottlieb Fichte äußerte 1793 in seinem später viel zitierten „Beitrag zur Berichtigung der Urteile des Publikums über die französische Revolution“:
Selbst der umfassend gebildete Georg Wilhelm Friedrich Hegel widersprach zwar der volkstümelnden Romantik, sah Juden aber auch nur als Verkörperung der Entzweiung und materiellen Knechtschaft im Gegensatz zur griechisch-platonischen Freiheit des Geistes. Von ihm stammt der Satz:
Auch der Schweizer Pädagoge Johann Heinrich Pestalozzi, der „Turnvater“ Friedrich Ludwig Jahn und der Völkerkundler Ernst Moritz Arndt waren bekennende Judenfeinde. Sie begründeten jene Volkstums-Ideen, auf die rassistische Antisemiten später zurückgriffen. Arndt schrieb z.B. im Kontext der Zuwanderung russischer und polnischer Juden nach Westeuropa:
Preußen machte
1810 den christlichen Religionsunterricht für alle verbindlich. Ohne
Teilnahme daran erhielten auch die Juden keine Zugangsberechtigung zu
den Universitäten. So wurde ihr Aufstieg weiterhin erheblich erschwert.
Das preußische Judenedikt von 1812 gewährte den Juden zwar grundlegende
Bürgerrechte, wie freie Niederlassung, Grunderwerb und Militärdienst,
schützte aber nicht ihre Religionsausübung und schloss sie weiterhin
von allen Staatsämtern aus. Das Judenedikt galt außerdem nur für die
eingebürgerten Juden und nicht für Neuankömmlinge. Judenfeindlichkeit nach 1812 Top Die Reaktionen im Volk auf bürgerliche Emanzipation und intellektuelle Juden-Aversion ließen nicht lange auf sich warten. Besonders unter manchen Burschenschaften grassierten nationalistische und antijüdische Reflexe. Dies wurde schon 1817 auf dem Wartburgfest sichtbar. Jakob Friedrich Fries, Philosophieprofessor in Jena, hetzte seine Studenten zu einer Bücherverbrennung auf. Dies veranlasste Heinrich Heine 1819 zu der weitsichtigen Vorhersage:
Im selben Jahr im August breitete sich eine Serie von Krawallen von deutschen Großstädten bis Kopenhagen und Amsterdam aus. Politisch und ökonomisch unzufriedene Handwerker, Bauern und Studenten gaben die Schuld an den Problemen der frühkapitalistischen Industrialisierung den Juden. Sie plünderten und zerstörten deren Häuser und Geschäfte, steckten Synagogen in Brand, misshandelten und ermordeten Juden mit dem Kampfruf:
„Hep“ war ein alter Kreuzfahrer-Ruf und stand für Hierosolyma est perdita (Latein: „Jerusalem ist verloren“), das auf die Massaker der Kreuzzüge anspielte. In den Flugblättern und Parolen der Krawallanten wurden Juden als „Gottesmörder“ angegriffen. Hier kam die langanhaltende kirchliche Indoktrination zum Vorschein. Die Aufklärung hatte also nur eine schmale Schicht von Gebildeten erreicht, von denen auch nur wenige das Judentum und seine Emanzipation vorbehaltlos akzeptierten. Sie wurden nicht von der Masse der Bevölkerung getragen. Die Tradition antijüdischer Hetzschriften setzte sich auch im kirchenfernen Bürgertum fort: 1821 veröffentlichte Hartwig von Hundt-Radowsky den Judenspiegel. Darin propagierte er u.a. den Verkauf jüdischer Kinder als Sklaven an die Engländer, um weitere jüdische Nachkommen zu verhindern, und schließlich unverhohlen die Vertilgung und Vertreibung aller Juden. Solche Ziele waren also schon Jahrzehnte im öffentlichen Gespräch, bevor der „Rasse-Begriff“ für das Judentum aufkam. Richard Wagner und der Antisemitismus Top Im Hinblick auf die Frage, inwieweit der Antisemitismus Wagners mentale Voraussetzungen des Holocaust im nationalsozialistischen Deutschland vorwegnimmt, ist der folgende Textabschnitt im Nachwort der Publikation von "Das Judenthum in der Musik" von 1869 aufschlussreich:
Betrachten wir uns einmal den ersten Teil der Aussage:
Wenn Richard Wagner solche Gedanken äußert, dann klingt das für mich wie übelster Antisemitismus. Allein der Gedanke die "gewaltsame Auswerfung des zersetzenden fremden Elements in unserer Kultur" entspricht nicht nur einer Diskriminierung der Juden, sondern ist nichts anderes als der Ausdruck der Vernichtung der Juden. Wie viel Judenhass muss eigentlich jemand in sich tragen, der solche Gedanken äußert? Sehr viel schlimmer geht es doch wohl nicht. Das nennt man im Sprachgebrauch die Schreibtischtäter. Es sind jene Menschen, die den Holocaust gedanklich vorbereitet haben. Und ich finde, man kann es auch nicht dadurch entschuldigen, indem man die Frage stellt, welcher Teufel ihn denn da geritten hat. Jemand der solche Gedanken äußert, hat den Judenhass abgrundtief in sich verinnerlicht. Und daran gibt es meiner Meinung nach weder etwas zu entschuldigen, noch etwas zu beschönigen, egal wie schön die Musik Richard Wagners auch sein mag. Und nun zum zweiten Teil seiner Aussage:
Auch hier klingt Richard Wagners Judenfeindlichkeit wieder aus den Zeilen. Wenn er von "unserer" edlen menschlichen Reife spricht, so ist auch das wieder eine Diskriminierung des Jüdischen, weil er die deutschen Werte über die jüdischen stellt. Und was Richard Wagner sich unter Assimilation vorstellt, ist doch wohl eindeutig erkennbar. Er versteht darunter nichts anderes, als dass die Juden ihre Kultur und ihre Religion aufgeben sollen, um als gleichberechtigt anerkannt zu werden. Er fordert also nichts anderes als die jüdische Kultur auszumerzen. Und dann stellt man sich natürlich die Frage, was mit den Juden geschehen soll, die nicht bereit sind, ihre Kultur aufzugeben? Und dann möchte ich gleich noch einen Bogen zur Musik von Richard Wagner schlagen. Was ist von der Musik zu halten, in der Wagner den Geist von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit versprüht und selber der größte Tyrann ist? Nun noch ein paar Worte zu Richard Wagners Sohn Siegfried. Richards Wagners Sohn Siegfried spielte eine ganz endscheidende Rolle bei der Beschaffung von Geldern für Hitler und die NSDAP. Er war nämlich bereits 1924 selber beim Automobilproduzenten Henry Ford in den USA und bat ihn, Hitler finanziell zu unterstützen. Henry Ford, der für seine antisemitische Haltung bekannt war, tat das reichlich. Dafür wurde er später von Hitler mit dem Großkreuz des Deutschen Adlerordens ausgezeichnet. Und hätte Hitler zu dem frühen Zeitpunkt nicht über so viel Geld verfügt, so hätte er niemals die SA, die Unsummen von Geldern verschlang, aufbauen können. Er hätte niemals die Miete für die Parteizentrale in München, die Gehälter für die anfangs 12 hauptamtlichen Mitarbeiter und die Kosten für die verschwenderisch betriebene Propaganda aufbringen können. Ebenso hätte er nicht das Handgeld für die Rollkommandos, die Ausgaben für Sonderzüge zu den Parteitagen, die Parteitage selber, die Unsummen von Geldern verschlangen, die Kosten für kulturelle Veranstaltungen, die Kosten für die regelmäßig erscheinenden Mitteilungsblätter und, und, und... finanzieren können. Ohne den Einsatz Siegfried Wagners und ohne die finanzielle Unterstützung Hitlers und der NSDAP zu diesem frühen Zeitpunkt durch Henry Ford, wäre Hitler vielleicht nicht zur Macht gekommen. Es sei denn, es hätten sich andere gefunden. 1899 forderte der Brite Houston Stewart Chamberlain – ein Schwiegersohn Richard Wagners – in seinem Buch " Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts" als Erster die „Reinheit der arischen Rasse“ gegen „Vermischung“. Das Buch las Kaiser Wilhelm II. persönlich seinen Kindern vor und empfahl es als Lehrstoff für die Kadettenschulen. Chamberlain wurde als Engländer geboren, nahm aber 1916 die deutsche Staatsangehörigkeit an. In seinem Hauptwerk " Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts" (1899) vertrat er eine völkisch-mystische Ideologie und entwickelte die Gedanken des französischen Diplomaten und Schriftstellers Arthur Gobineaus einer „arischen Herrenrasse“ weiter. Allerdings ging er – anders als Gobineau – nicht von der arischen als einer vollkommenen „Urrasse“ aus, sondern sah in diesem „Rassentypus“ das Zuchtziel einer zu züchtenden Idealrasse. Sein Gedankengut beeinflusste maßgeblich die Rassenlehre und die "rassenhygienischen" Vorstellungen des Nationalsozialismus. Sowohl Kaiser Wilhelm II. als auch die völkisch-nationalen Denker, jungkonservative Publizisten und die "Deutschen Christen", waren von Chamberlains Antisemitismus begeistert. Bereits nach dem I. Weltkrieg propagierte er die "Ausrottung" der Juden, die als "Ungeziefer" behandelt werden sollten. Ab 1908 war Chamberlain mit Richard Wagners Tochter Eva verheiratet. 1922 wurde er Ehrenbürger von Bayreuth. Zwar kann man Richard Wagner nicht für die Rassenideologien Chamberlains verantwortlich machen, man fragt sich aber schon, ob es ein Zufall ist, dass der Rassenideologe Chamberlain im Dunstkreis Richard Wagners auftaucht. Zur Ehrenrettung Richard Wagners ist allerdings zu sagen, dass er bereits 1883 starb und seine Tochter Eva Chamberlain erst 1908 heiratete.
Politischer Antisemitismus im Kaiserreich Top Bis 1890 erschienen im Kaiserreich an die 500 Schriften, die sich mit der „Judenfrage“ befassten. Hinzu kamen mindestens 120 antisemitisch ausgerichtete Tageszeitungen, Monatsblätter und Vereins-Publikationen. Der lutherische Hofprediger Adolf Stoecker (1835–1909) forderte in Berlin eine Begrenzung des vermeintlichen jüdischen Einflusses auf die Politik und gründete dazu die religiös-antisemitische Christlichsoziale Partei. Der Historiker Heinrich von Treitschke (1834–1896) griff dies öffentlich auf und prägte den verhängnisvollen Satz, den die Nationalsozialisten später übernahmen: "Die Juden sind unser Unglück. Die Antisemitenliga forderte eine „Antisemiten-Petition“, die 250.000 Bürger unterzeichneten. Sie forderte u.a. eine separate Besteuerung von Juden, ihren Ausschluss von allen Regierungsämtern, vom öffentlichen Dienst und Bildungswesen sowie ein Verbot jüdischer Einwanderung nach Deutschland. Der als „Judenschläger“ bekannte schlesische Graf Pückler rief die Bauern seiner Region auf, Juden totzuprügeln. Ein weiterer Antisemit war der Nationalökonom Eugen Dühring (1833–1921). Er erklärte die Kluft zwischen Ariern und Semiten für unüberbrückbar und forderte, die Juden wieder in Ghettos zu zwingen. 1894 wurde unter der Führung Otto Böckel's die antisemitische "Deutschsoziale Reformpartei" gegründet. Otto Böckel, der bereits 1887 als Vorsitzender der "Deutschen Antisemitischen Vereinigung" im Reichstag saß, trug sich dort stolz als erster "Antisemit" ein. Die Deutschsoziale Reformpartei forderte die Aufhebung der rechtlichen Gleichberechtigung der in Deutschland lebenden Juden. Sie beruhte auf den Rassentheorien von Houston Stewart Chamberlain (1855–1927) und redete erstmals von der „Endlösung der Judenfrage“. 1899 hieß es darin:
Vom Antisemitismus zum Nationalsozialismus Top Als die Novemberrevolution 1918 (Matrosenaufstand in Kiel und Wilhelmshaven) das Kriegsende und die Flucht von Kaiser Wilhelm II. erzwang, traten die ungelösten sozialen Gegensätze offen hervor: Der Krieg hatte sie nur verschärft. In der Nachkriegsnot nahm der Antisemitismus neuen Aufschwung. Reaktionäre Offiziere und große Teile des Bürgertums lasteten ihre Niederlage und die Auflagen des Versailler Vertrags den „jüdischen“ Führern der Arbeiterbewegung an. Republikfeindliche Antisemiten fand man seit 1919 in mehreren rechtsextremen und bürgerlich-konservativen Parteien, vor allem in der DNVP (Deutsch-Nationale-Volks-Partei, der Vorläufer der NSDAP) wieder. Der gestürzte Wilhelm II. selbst forderte die „Ausrottung“ der Juden. Adolf Hitler setzte dies 20 Jahre später in die Tat um. Er übernahm den Antisemitismus nach eigener Aussage vom Wiener Bürgermeister Karl Lueger. Lueger stammte aus ärmlichen Verhältnissen und besuchte die Theresianische Ritterakademie in Wien als Externer (Die Toiletten durften nur einzeln betreten werden, die Aufenthaltsdauer war limitiert. Im Haus herrschte strenge Zucht, die Prügelstrafe war obligatorisch.). Danach studierte er Rechtswissenschaft und promovierte 1870 (Dr.jur.utr.). Ab 1874 war Lueger als Rechtsanwalt mit eigener Kanzlei tätig. In einem Brief vom 16. September 1919 schrieb er seine Haltung zur „Judenfrage“ nieder: "Der Antisemitismus aus rein gefühlsmäßigen Gründen wird seinen letzten Ausdruck finden in der Form von Progromen." 1891 gründete er die österreichische Christlichsoziale Partei (CS). Die CS verknüpfte, gestützt auf das kleine und mittlere Bürgertum, reformerische Ziele mit antisemitischen und antiliberalen Parolen. 1895 wurde Lueger zunächst Vizebürgermeister der Stadt Wien, 1897 zum Bürgermeister gewählt und vom Kaiser bestätigt. Spätere antisemitische Schriften von Hitler führten auch Lueger als Impulsgeber an. Hitlers „Schlüsselerlebnis“ war die Revolution von 1918, die er wie die meisten Nationalisten als „Dolchstoß“ von „jüdischen Verrätern“ empfand. Am 7. April 1918 wurde in München von sozialistischen, anarchistischen und kommunistischen Revolutionären unter der Leitung Kurt Eisner's, der am 21. Februar 1919 von dem rechtsextremen adligen Attentäter Anton Graf von Arco auf Valley ermordet wurde, eine Räterepublik auszurufen, die aber bereits am 2. Mai 1919 von rechtsradikalen Freikorps und von aus Berlin entsandten Reichswehrverbänden blutig niedergeschlagen wurde. Dem Freikorps von Epp schloss sich auch der spätere Führer der SA Ernst Röhm an. Viele Soldaten der Freikorps trugen schon das Hakenkreuz am Helm, das Symbol des völkisch-nationalistischen Geheimbunds der Thule-Gesellschaft, deren etwa 250 Münchner Mitglieder in verdeckten Aktionen gegen die Revolution aufgetreten waren. Zur Beendigung der Räterepublik, griff die nach Bamberg geflohene SPD-Regierung unter Hoffmann, auf reaktionäre und republikfeindliche militärische und paramilitärischer Verbände zur Niederschlagung der Räterepublik zurück. Am 17. April 1919 beschloss Reichswehrminister Noske (SPD), der bereits mit Zustimmung von Reichskanzler Friedrich Ebert (SPD) am 9. Januar 1919 die Räterepublik in Berlin durch Freikorps und Reichswehrverbänden blutig niedergeschlagen und der Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts durch das schwer bewaffnete Freikorps „Garde-Kavallerie-Schützendivision“ unter Leitung von Hauptmann Waldemar Pabst am 15. Januar 1919 zugestimmt hatte, den Einsatz von Reichswehrverbänden gegen München. Im Laufe der Kämpfe kam es auf beiden Seiten zu Grausamkeiten, bei denen Hunderte Menschen starben, in der Mehrzahl als Opfer der rechtsextremen Freikorps. Die blutige Vergeltung gegen die Mitglieder der Räterepublik, begünstigten wenige Jahre später den Aufstieg des Nationalsozialismus. Über 2000 (auch vermeintliche) Anhänger der Räterepublik werden erschossen oder zu Haftstrafen verurteilt. Dagegen wird Graf Arco, der zunächst zum Tode verurteilte Mörder Kurt Eisners, zu einer Haftstrafe begnadigt und 1924 aus dem Gefängnis entlassen Hitlers Putschversuch am 9. November 1923 in München, bei dem er mit teilweise bewaffneten faschistisch-nationalistisch gesinnten Anhängern zur Feldherrnhalle im München marschierte und dort von der bayrischen Landespolizei gestoppt wurde, sollte die bayerische Regierung zum Sturz der Reichsregierung in Berlin veranlassen. Hitler wurde wenige Tage später verhaftet. Die NSDAP wurde im ganzen Reich verboten und Hitler vom Bayerischen Volksgericht wegen Hochverrats zu extrem milden fünf Jahren Festungshaft verurteilt. In der Festungshaft schrieb er 1924 seine Autobiographie "Mein Kampf". Darin bekannte er sich offen zum Programm des Antisemitismus und kündete an, die Vernichtung aller Juden politisch und militärisch durchzusetzen. Bereits Ende 1924 wurde Hitler vorzeitig aus der Haft entlassen. Sofort nach ihrer Machtergreifung verfolgten die Nationalsozialisten unter ihrem Regime ab Januar 1933 ihr antisemitisches Programm, die Juden aus der deutschen Gesellschaft zu verdrängen: In nie zuvor gekannter Schärfe und Konsequenz führten ihre Maßnahmen über Geschäftsboykotte, Emigrationsdruck, die Nürnberger Rassengesetze, Berufsverbote, die "Reichskristallnacht", Enteignung (Arisierung), Ghettoisierung bis zur Planung und Durchführung der "Endlösung der Judenfrage" (Holocaust). Allein diese industriell organisierte Vernichtung des europäischen Judentums – im jüdischen Selbstverständnis Shoa (Unheil, Katastrophe) genannt – forderte um die 6 Millionen Opfer. Der Blutschutz der Nürnberger Rassegesetze verbot Ehen zwischen Juden und Nichtjuden sowie deren außerehelichen Geschlechtsverkehr. Als Strafe drohten Gefängnis und Zuchthaus. Die Strafdrohung für den außerehelichen Geschlechtsverkehr zwischen Juden und Nichtjuden richtete sich nur gegen den Mann, nicht gegen die Frau. Ehepaare mussten sich vor der Hochzeit einer gesundheitlichen Untersuchung unterziehen um "Verunreinigungen" der Rasse vorzubeugen. Im Reichsbürgergesetz wurde festgelegt, dass nur "Staatsangehörige deutschen oder artverwandten Blutes" Reichsbürger sein konnten. Das Gesetz hatte zur Folge, dass kein Jude mehr ein öffentliches Amt bekleiden durfte. Die jüdischen Beamten mussten zum 31. Dezember 1935 den Dienst quittieren. Außerdem verloren Juden das politische Wahlrecht. In einer Verordnung vom 14. November 1935 definierten die Nationalsozialisten, wer nach nationalsozialistischer Auffassung "Volljude" oder "jüdischer Mischling" (Halb- oder Vierteljude) war. Hieraus entwickelte sich die nationalsozialistische Rassenhygiene. Den Nationalsozialisten diente die Rassenhygiene als Begründung für ihre rassistisch und antisemitisch motivierten Diskriminierungen, Verfolgungen und Morde, für die Verbrechen im Rahmen des Euthanasieprogramms (Beendigung "lebensunwerten Lebens") und für Zwangssterilisationen. Die Rassenlehre der Nationalsozialisten Top Im Unterschied zu vor allem religiös motivierten antisemitischen Vorurteilen, wie sie z.B. in Osteuropa stark verbreitet waren, verknüpften die Nationalsozialisten den Antisemitismus in Deutschland mit einer in ihren Grundzügen schon seit 1860 entwickelten pseudowissenschaftlichen Rassenlehre, die beanspruchte, die Menschheit in unterschiedliche Menschengruppen aufzuteilen, und sie in höher- und minderwertigere Rassen einzuordnen. Hitler bauschte diese Ideologie in seinem autobiografischen Programmentwurf "Mein Kampf" schon in den 1920er Jahren propagandistisch auf. Dabei definierte er die Geschichtsauffassung des Marxismus, wonach die Geschichte eine Abfolge von Klassenkämpfen sei, um in eine Geschichte von Rassenkämpfen um Lebensraum, an deren Ende die "gesündeste" und durchsetzungsfähigste Rasse obsiege, nachdem sie "minderwertige" Rassen ausgerottet oder versklavt habe. Laut Hitler war die arische Rasse, zu der er das deutsche Volk zählte, zu diesem Sieg auserwählt. Als Hauptfeind in diesem Menschheitskampf sah er die Juden, die er nicht als Religionsgemeinschaft, sondern als (andere) Rasse definierte. Dies geschah entgegen jeglichem Augenschein, der eine äußerliche Unterscheidung von den Ariern hätte erkennbar machen können. Trotzdem wurde mit pseudowissenschaftlichen Methoden versucht, entsprechende äußere Unterschiede zu postulieren. Die besondere Bedrohung durch die Juden bestehe darin, die verschiedenen Rassen vermischen zu wollen. Dazu griffen sie neben dem internationalen Finanzkapital auf Ideologien wie den Liberalismus, den Pazifismus, Internationalismus oder den Marxismus zurück. Dadurch würden sie an sich gesunde Rassen zersetzen. Wo die Nationalsozialisten nicht-arische Rassen nur als Untermenschen betrachteten, wurden die Juden im NS-Jargon zusätzlich als Ungeziefer und Krankheitserreger verunglimpft. Besonders drastisch wurde diese These im NS-Propagandafilm "Der ewige Jude" von 1940 verbreitet. Dieser verwendete dazu das Stilmittel der Dokumentation, um gegenüber einem größeren Publikum den Anschein einer objektiven Darstellung zu erwecken. Am 20. Januar 1942 fand unter der Leitung des Chefs der Sicherheitspolizei und des SD, Reinhard Heydrich, die Wannseekonferenz bei Berlin statt. Auf ihr besprachen hochrangige Ministerialbeamte der Reichsregierung die so genannte „Endlösung der Judenfrage“, das heißt die Deportation und Ermordung aller europäischen Juden. Aus erhaltenen Akten der Konferenz lässt sich ersehen, dass 11 Millionen Menschen zur Vernichtung vorgesehen waren. Die Reichskristallnacht vom 7. bis 13. November 1938 war eine Reaktion der Nationalsozialisten auf die Erschießung des NSDAP-Mitglied und Legationssekretärs Ernst Eduard von Rath's am 7. November 1938 in der deutschen Botschaft in Paris durch den in Paris lebenden siebzehnjährigen polnischen Juden Herschel Grynszpan. Er hatte erfahren, dass seine ganze Familie mitsamt seinen Eltern nach Zbonszyn (Polen) verschleppt worden war. Er besorgte sich eine Waffe um sich für das Leiden seiner Eltern bei deren gewaltsamer Abschiebung zu rächen. Eigentlich wollte er den deutschen Botschafter erschießen, traf dann aber von Rath. Dieser erlag am 9. November seinen schweren Verletzungen. Schon am 7. November 1938 erfolgten an mehreren Orten in den Gauen Kurhessen und Magdeburg-Anhalt Übergriffe gegen Juden, ihre Wohnungen und Synagogen. Die Täter waren Angehörige von SA und SS, die jedoch in Zivil auftraten, um als Bürger zu wirken und die Bevölkerung als Reaktion auf das Attentat in Paris zum Volkszorn aufzuhetzen. Am Abend des 7. November wurden auch die Synagoge und andere jüdische Einrichtungen in Kassel verwüstet. Noch in der gleichen Nacht kam es in anderen orten zu weiteren Zerstörungen von Gebäuden jüdischer Mitbürger. Nachdem das nationalsozialistische Parteiorgan der "Völkische Beobachter" die Öffentlichkeit am 8. November 1938 aufgestachelt hatte, begannen am Nachmittag des 9. November ab 15 Uhr Pogrome in Dessau: Dort wurden die Synagoge und das jüdische Gemeindehaus angezündet. Ab 19 Uhr begannen die Ausschreitungen in Chemnitz. Die Übergriffe verliefen alle nach demselben Schema: Eine NS-Ortsversammlung wurde schnell einberufen, dort hielten Gauleiter oder SA-Sturmbannführer Hetzreden gegen die Juden. Im Anschluss marschierten die Teilnehmer direkt zu jüdischen Geschäften, Privatwohnungen, öffentlichen Einrichtungen der jüdischen Gemeinden und zuletzt zur örtlichen Synagoge, um diese zu zerstören. Hitler besprach unmittelbar nach dem Tod des Botschaftssekretär in Paris am 9. November 1938 in München mit Propagandaminister Joseph Goebbels. Hitler hielt sich in den folgenden Tagen nach außen hin zurück. Goebbels aber hielt vor den versammelten SA-Führern eine antisemitische Hetzrede, in der er "die Juden" für den Tod von Rath's verantwortlich machte. Er lobte die angeblich "spontanen" judenfeindlichen Aktionen im ganzen Reich, bei denen auch Synagogen in Brand gesetzt worden seien, und verwies dazu auf die bereits stattgefundenen Pogrome in Kurhessen und Magdeburg-Anhalt. Er machte deutlich, dass die Partei nicht als Organisator antijüdischer Aktionen in Erscheinung treten wolle, aber diese dort, wo sie entstünden, auch nicht behindern werde. Die anwesenden Gauleiter und SA-Führer verstanden dies als indirekte, aber unmissverständliche Aufforderung zum Handeln gegen jüdische Häuser, Läden und Synagogen. Nach Goebbels Rede telefonierten sie gegen 22:30 Uhr mit ihren örtlichen Dienststellen. Danach versammelten sie sich im Hotel "Rheinischer Hof" in München, um auch von dort aus weitere Anweisungen für Aktionen durchzugeben. Auch Goebbels selbst ließ nach Abschluss der Gedenkfeier nachts Telegramme von seinem Ministerium aus an untergeordnete Behörden, Gauleiter und Gestapostellen im Reich aussenden. Diese wiederum gaben entsprechende Befehle an die Mannschaften weiter, in denen es etwa hieß (SA-Stelle Nordsee):
Daraufhin setzten sich Mitglieder der SA in Marsch, um diese Befehle auszuführen. Die Leitung der Zerstörungen oblag den örtlichen Propagandaämtern der NSDAP. - Hitler persönlich wies Reinhard Heydrich (SS-Obergruppenführer - Chef der Sicherheitspolizei und des Sicherheits-Dienstes) gegen 23:55 Uhr an, der Sicherheits-Dienst solle sich heraushalten. Die Staatspolizei solle aber für den "Schutz" des jüdischen Eigentums vor Plünderern sorgen. Diesen Befehl sandte Heydrich als Blitzfernschreiben gegen 1:20 Uhr an alle Staatspolizei-Leitstellen im Reich. Ergänzend hieß es - wahrscheinlich ebenfalls von Hitler befohlen - darin:
Die Pogrome setzten sich am 10. November fort. In Österreich begannen sie erst an diesem Tag, verliefen dafür aber umso heftiger. Sie dauerten im ganzen Reich besonders in ländlichen Gebieten bis in den Nachmittag. Die befohlene Trennung von SA-Maßnahmen und Sicherheits-Dienst-"Begleitschutz" wurde nicht immer eingehalten. In kleineren Orten kam es bis zum 11., vereinzelt sogar bis zum 12. und 13. November noch zu Ausschreitungen. Parallel dazu begann im Tagesverlauf des 10. November die befohlene Inhaftierung von über 30.000 männlichen, meist jüngeren Juden. Sie wurden in den Tagen darauf von der Gestapo (Geheime Staatspolizei) und der SS (Schutzstaffel) in die Konzentrationslager Buchenwald, Dachau und Sachsenhausen verschleppt. Laut Bericht eines Berliner Juden ließen die Wachmannschaften beim "Hofappell" (nächtelanges Strammstehen bei Eiseskälte) keinerlei Zweifel, dass die Inhaftierung Vernichtung in Kauf nahm:
Die meisten der Inhaftierten kamen erst frei, nachdem sie sich zur Auswanderung bereit erklärt hatten. Das Schweigen der Kirchen zur Reichskristallnacht Top Ein besonders beschämendes Kapitel ist daher umso mehr das weitgehende Schweigen der Kirchen zu den Ereignissen der Reichskristallnacht vom 7. bis 13. November 1938. Diese waren im Deutschen Reich damals die einzigen noch nicht völlig gleichgeschalteten Großorganisationen. Doch es gab kein einziges eindeutiges Wort von den Kirchenleitungen, weder auf katholischer noch auf evangelischer Seite, dazu, dass hier der Staat Menschen nur aufgrund ihrer angeblichen "Rasse" an Leib und Leben bedrohte, ihre Gotteshäuser zerstörte, sie in "Geiselhaft" nahm und rigoros aus der Gesellschaft ausgrenzte. Die Gründe für dieses Versagen waren: 1. die grundsätzliche Bejahung des autoritären Führerstaats Nur Einzelne wagten, unter diesen Bedingungen auf ihr Gewissen zu hören und die Stimme zu erheben. In Berlin betete der Domprobst Bernhard Lichtenberg am Abend des 9. November öffentlich für Juden und die nichtarischen Christen. Dafür wurde er der "volksfeindlichen Hetze" angeklagt. Der württembergische Dorfpfarrer Julius von Jan aus Oberlenningen predigte am folgenden Buß- und Bettag (16. November 1938) über den vorgegebenen Bibeltext (Jeremia 22):
Wenige Tage nach dieser Predigt wurde Julius von Jan von der SA als "Judenknecht" festgenommen und vor seinem Haus von einer wartenden Menge fast totgeprügelt. Bürger, die ihm zu Hilfe eilten, wurden ebenfalls geschlagen und getreten. Der für Julius von Jan zuständige Bischof Theophil Wurm leistete ihm in den folgenden Prozessen wegen "staatsfeindlicher Hetze" Rechtsbeistand. Er gab aber auch ein Gutachten an die Pfarrer heraus, das die Zweideutigkeit seiner Rolle zeigt:
Wurm hat nach Kriegsende bitter bereut, dass er dieses Vorgehen legitimierte, statt es wie Pfarrer Julius von Jan Unrecht zu nennen. Er trat nicht für die Juden selber ein, sondern warnte nur vor den Folgen für die Deutschen und die Christen. Ebenso klar wie Jan trat Helmut Gollwitzer in Berlin-Dahlem für die Wehrlosen ein und erreichte, dass seine Gemeinde die Familienangehörigen von inhaftierten Juden materiell unterstützte. Er vertrat dabei den bereits im KZ sitzenden Martin Niemöller. Einige kamen für ihre Solidaritätsbekundungen selbst in das KZ: so Pfarrer Albert Schmidt, der für seinen Kollegen jüdischer Herkunft Hans Ehrenberg öffentlich gebetet hatte. Dieser war am 10. November nach Sachsenhausen deportiert worden, die Wohnung seiner Familie wurde zerstört. Die Reaktion der Nationalsozialisten auf die Reichskristallnacht Top Das Echo im Ausland auf die Ereignisse war verheerend: So zogen die USA ihren Botschafter "zur Berichterstattung" ab. In Großbritannien wurden die Novemberpogrome als Scheitern der Politik der Zugeständnisse an die Nationalsozialisten gewertet und stärkten die Bereitschaft zum Krieg gegen Hitler. Schon am Vormittag des 10. November kam es in der Berliner NSDAP-Spitze zu einer Auseinandersetzung: Reichsmarschall Hermann Göring warf Reichspropagandaminister Goebbels vor, seine Aktion habe aus ökonomischer Ignoranz die "volkswirtschaftlich unsinnige Zerstörung von Sachwerten" herbeigeführt. Daraufhin beschlossen Hitler, Göring und Goebbels, den Juden des Reiches eine "Buße" für die entstandenen Sachschäden aufzuerlegen und damit ihre Enteignung fortzusetzen. Görings Kritik an der SA war auch ein Grund dafür, dass die "Kristallnacht" ein einmaliges Ereignis blieb und etwa am Jahrestag 1939 nicht wiederholt wurde. Stattdessen wählte die NS-Führung einen anderen Weg: Die Diskriminierung, Drangsalierung und Deportation der deutschen Juden mit staatlichen Gesetzen und Verordnungen blieb öffentlich sichtbar, aber ihre Misshandlung und Ermordung fand nur noch abgeschirmt in Lagern, die sich großenteils außerhalb des deutschen Reichsgebiets befanden, statt. Die Gewaltexzesse der Sturmabteilungen gingen selbst einigen Parteigenossen zu weit. Zahlreiche Plünderungen zum eigenen Vorteil ihrer Mitglieder stellten die NSDAP vor Probleme. Ein Parteigericht sollte Disziplinlosigkeiten untersuchen und diejenigen bestrafen, die sich entgegen den Befehlen an Plünderungen, Totschlag und Mord beteiligt hatten. Es verhängte gegen einige Totschläger Parteiausschlüsse oder befristete Funktionsverbote; aber selbst diese geringfügigen Strafen wurden auf Vorschlag des Obersten Parteigerichts der NSDAP 1939 amnestiert. Nur drei Täter wurden der ordentlichen Justiz überstellt: Sie hatten in der Pogromnacht Jüdinnen vergewaltigt und sollten nicht etwa deswegen, sondern wegen "Rassenschande" angeklagt werden. Das Parteigericht der NSDAP entlastete die ausführenden Täter weitgehend, indem es bestätigte, dass die Telefonanrufe der versammelten SA-Führer am Abend des 9. November 1938 als Befehle zu verstehen waren. Wegen der faschistisch-totalitären Gleichsetzung von Volk, Staat und Partei wurden Morde an Staatsbürgern als unvermeidbare Begleiterscheinung des "Volkszorns" gewertet. Die Staatsanwälte und das Justizministerium unterließen jede unabhängige Untersuchung und Strafverfolgung auf Weisung derselben Parteiführer, die die Pogromnacht angeordnet hatten. Im Ergebnis blieben deshalb fast alle SA- und SS-Männer, die an den Ausschreitungen beteiligt waren, während der Dauer des Dritten Reiches unbestraft. Die Pogrome wurden zum einen wegen der befehlswidrigen Plünderungen, zum anderen wegen der zögerlichen Beteiligung der Bevölkerung innerparteilich als "Fehlschlag" bewertet. Deshalb distanzierten sich viele beteiligte hohe Funktionäre bereits am 10. November 1938 von ihrer Planung und Durchführung und schoben dem Reichspropagandaminister Joseph Goebbels die Rolle des alleinigen "Sündenbocks" zu. Diese Sichtweise setzten historische Darstellungen nach 1945 teilweise fort. Sie wurde auch von dem Holocaustleugner David Irving vertreten. Goebbels selbst triumphierte in seinem Tagebucheintrag vom 13. November 1938 jedoch:
Diese Aussage widerlegt die These von Goebbels Alleinverantwortung und zeigt, dass er und Göring sich als Scharfmacher betätigten. Als wahrscheinlich gilt darum auch, dass Hitler selbst am Abend des 9. November 1938 bei der jährlichen Gedenkfeier des Hitler-Ludendorff-Putsches im Alten Rathaus in München im Zwiegespräch mit Goebbels gegen 22:00 den Anstoß zu der Aktion gab und sich dann bewusst heraushielt. Der Gedanke einer kollektiven Strafsteuer für Juden taucht erstmals in einer Denkschrift vom August 1936 auf, die Hitler selbst entworfen hat. Wieweit Hitler auch an der Planung beteiligt war, ist jedoch bis heute unklar. Da die Führungskräfte der SS am 9. November 1938 ebenfalls in München versammelt waren und Heinrich Himmler (Reichsführer der SS) den Befehl zum "Schutz" der SA-Aktionen herausgab, nimmt man allgemein an, dass er, Heydrich (Geheime Staatspolizei - Gestapo), Göring und weitere hohe NSDAP-Führer wohl ab dem 7. November von den zum 10. November geplanten Aktionen wussten und daraufhin überein kamen, sich diese für die ohnehin geplante Arisierung zunutze zu machen. Von der Reichskristallnacht zum Holocaust Top Die Novemberpogrome 1938 waren nicht der Beginn der Judenverfolgung im Nationalsozialismus. Die Judenverfolgungen begannen bereits mit dem Aufruf zum Judenboykott am 1. April 1933, den Nürnberger Rassengesetzen von 1935 sowie zahlreichen Berufsverboten und Gesetzesverschärfungen für Juden. Die Synagogenzerstörung am 10. November 1938 bildete allerdings den Auftakt von der Verdrängung, Vertreibung und Enteignung zur Vernichtung der Juden in den Konzentrationslagern. Auf die Judenpogrome vom 10. November 1938 folgten weitere, koordinierte Aktionen der Regierung mit dem Ziel, Deutschland "judenfrei" zu machen. Bereits am 26. August 1938 war dazu in Wien die "Jüdische Zentralstelle für Auswanderung" unter Adolf Eichmann (Leiter der Vertreibung) eingerichtet worden. Am 12. November 1938 fand im Reichsluftfahrtministerium unter Vorsitz von Hermann Göring eine Konferenz mit über 100 Teilnehmern statt, in der das weitere staatliche Vorgehen gegen die jüdische Bevölkerung beraten und beschlossen wurde. Die folgenden Maßnahmen zielten auf die konsequente Entfernung aller Juden aus dem deutschen Wirtschafts- und Kulturleben und hatten das Ziel, die Juden zur Auswanderung zu zwingen und aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit zu verbannen. Göring ordnete noch am selben Tag als "harte Sühne" für die Juden an:
Die Staatspolizei ordnete zudem am selben Tag an:
Die Sühneleistung, auch "Judenbuße" genannt, sollte innerhalb eines Jahres in vier Quartalsraten aufgebracht werden. Die erste Rate wurde am 15. Dezember 1938, die letzte am 15. August 1939 fällig. Jeder jüdische Bürger, der mehr als 5.000 Reichsmark Vermögen besaß, musste davon 20 Prozent an den Staat abgeben. Eine zweite Durchführungsverordnung legte eine fünfte Zahlung zum 15. 12. 1939 fest, so dass insgesamt 25% des Vermögens abgegeben werden mussten. Der Hintergrund dieser Maßnahme war ein Haushaltsdefizit des Staates von zwei Milliarden Reichsmark. Schon Ende 1937 stieß die Schuldenaufnahme an ihre Grenzen. Das Reichsfinanzministerium befürchtete Anfang 1938 "die Möglichkeit, dass das Reich zahlungsunfähig" würde. Das hätte die Kriegsvorbereitungen gefährdet. Enteignung und Vertreibung der Juden Top Seit Hitlers Machtergreifung betrieben die Nationalsozialisten die systematische Entrechtung der Juden. Unmittelbar nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler (30. Januar 1933) begannen von Funktionären der NSDAP inszenierte "spontane" Proteste gegen jüdische Beamte; Gerichtsverhandlungen wurden gestört, die Beseitigung jüdischer Juristen wurde in Zeitungsartikeln und Leserbriefen gefordert. Am 1. April 1933 organisierte die SA einen Boykott jüdischer Geschäfte, bei dem Läden zertrümmert und jüdische Geschäftsinhaber verprügelt wurden. Die staatliche durchgeführte Verdrängung von Juden aus dem öffentlichen Dienst begann mit dem "Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" am 7. April 1933, das die Entlassung aller jüdischen Beamten vorsah. Von nun an wurden Juden auch aus allen Ehrenämtern entfernt; sie erhielten nur noch begrenzt Zugang zu Schulen und Universitäten; jüdische Steuerberater verloren ihre Zulassung. 1935 verschlechterte sich die Lage vieler Juden nochmals drastisch: Sie wurden nicht mehr zu Prüfungen als Ärzte und Apotheker zugelassen und vom Wehrdienst ausgeschlossen. Zahlreiche Berufsverbände erteilten für sie mitsamt ihren Ehegatten Berufsverbote, z.B. als Haushaltshilfen, Gewerbelehrer, Kinobetreiber, Kirchenmusiker, Kunst- und Antiquitätenhändler, Schwimmmeister. Im Juli kam es zudem in Berlin zu erneuten Ausschreitungen gegen jüdische Geschäfte. Im September 1935 zementierten die Nürnberger Gesetze die rassistische Ausgrenzung: Das "Reichsbürgergesetz" beließ Juden zwar die deutsche Staatsbürgerschaft, wertete diese aber ab, indem nur Arier die Reichsbürgerschaft mit dem Privileg des Wahlrechts und voller Bewegungsfreiheit erhielten. Das "Blutschutzgesetz" verbot die Eheschließung und außereheliche Sexualität zwischen Juden und "Ariern". Hinzu kam Alltagsdiskriminierung: Zum Beispiel Parkbänke mit Schildern "Nur für Deutsche", "Entjudung" (Umbenennung) von Straßennamen, Uniformverbot, generelle Einstufung in die höchste Steuerklasse, Verbot der Benutzung von Schlaf- und Speisewagen der Reichsbahn, Streichung von Wohngeld. Hauseigentümer durften freiwerdende Wohnungen nicht mehr an "Volljuden" vermieten, ihnen wurden "Sonderwohnbezirke" zugeteilt. Damit begann ihre Ghettoisierung. Um die Zahlungsunfähigkeit des Deutschen Reiches abzuwenden, plante das NS-Regime im Frühjahr 1938 einen Zwangsumtausch aller Wertpapiere und Aktien in jüdischem Besitz in deutsche Staatsanleihen. Diese konnte man dann im Ausland verkaufen, um Devisen zu erwirtschaften. Am 26. April 1938 wurde angeordnet, dass alle Juden bis zum 31. Juli 1938 ihr gesamtes Vermögen - Immobilien, Aktien, Ersparnisse, Gold, Schmuck, Juwelen - detailliert beim Finanzamt offenlegen mussten, sofern der Wert 5.000 Reichsmark überschritt. Dies betraf zwischen 10 und 20 Prozent der jüdischen Deutschen. Insgesamt wurden 7,123 Milliarden deklariert, wovon ein geringer Teil Auslandskapital war und für den deutschen Staat unverfügbar blieb. Am 12. November 1938 wurde den Juden dann verboten, Staatsanleihen zu verkaufen. Sie mussten die Sühneleistung also durch Verkauf von Immobilien, Schmuck, Kunstgegenständen oder Sparguthaben aufbringen. Damit sollte das Staatsdefizit kurzfristig zur Hälfte gedeckt werden. Die Summe von insgesamt 1.126.612.495,00 Reichsmark erhöhte das damalige Steueraufkommen des Reiches von 16 auf über 17 Milliarden um gut 6 Prozent. Diese Sondergesetze zwangen Juden, sämtliche ihrer Unternehmen zu schließen. Sie wurden enteignet bzw. zum Verkauf ihres Eigentums gezwungen. Sie mussten ein eigenes jüdisches Schulwesen und eine jüdische Fürsorgeorganisation gründen. Ende Mai 1938 wurden Juden von der Vergabe öffentlicher Aufträge ausgeschlossen und am 25. Mai 1938 erging die vierte Verordnung zum Reichsbürgergesetz – einem der Nürnberger Gesetze – nach der jüdische Ärzte ab September 1938 die Approbation verloren. Goebbels verbot ihnen zudem die Teilnahme am Kulturleben, den Besuch von Theatern, Kinos, Tanzvarietes, Kabarett, Zirkus usw. Am 14. November 1938 ordnete Bernhard Rust, Reichserziehungsminister, die sofortige Entlassung jüdischer Schüler aus deutschen Schulen an. Von den Hochschulen waren sie zuvor schon verbannt worden. Am 28. November 1938 wurde den Regierungsbezirken erlaubt, Juden den Zutritt bestimmter Ortsbereiche zu bestimmten Zeiten zu verbieten. Sie konnten nun auch optisch für die restliche Bevölkerung "verschwinden", noch bevor sie deportiert wurden. Am 3. Dezember 1938 entzog eine Anordnung Himmlers (Reichsführer der SS) allen Juden die Führerscheine und KFZ-Papiere. Zugleich mussten sie alle Gewerbebetriebe, Grundeigentum, Vermögen, sofern noch in jüdischem Besitz, verkaufen, ihre Wertpapiere bei einer Devisenbank hinterlegen. Sie durften keinen Schmuck, Juwelen und Kunstgegenstände mehr veräußern. Damit wurde es auch wohlhabenden Juden nahezu unmöglich gemacht, noch auszuwandern. In den Folgejahren wurden diese Maßnahmen präzisiert und radikalisiert, um Juden jegliche Existenzgrundlage in Deutschland zu nehmen. Am 24. Januar 1939 wurde die "Reichszentrale für jüdische Auswanderung" unter Leitung von Reinhard Heydrich (General der Polizei) gegründet. 1939 belief sich die Auswanderungszahl auf rund 80.000. Verarmt und ausgeplündert, unter diesen Umständen war die Emigration ins Ausland sehr erschwert. Das Ausland wehrte sich gegen die Aufnahme mittlerweile mittelloser Juden. Auch wenn das jeweilige Ausland, das für eine Auswanderung in Frage kam, differenziert betrachtet werden muss, so trifft es doch im Großen und Ganzen zu, dass die Welt kein Interesse am jüdischen Schicksal hatte. Von 510.000 deutschen Juden, die 1933 den israelitischen Kultusgemeinden angeschlossen waren, verließen bis 1939 etwa 315.000 ihre Heimat und flohen ins Exil. Von den verbliebenen rund 200.000 Menschen gelang 1939 nochmals 15.000 die Flucht. Höchstens 10.000 in „Mischehen“ oder illegal im Reich lebende Juden entkamen ihrer Ermordung. Auch wenn erst für die Jahre ab 1939 von systematischem Völkermord gesprochen wird, darf man nicht übersehen, dass auch in der Zeit bis 1939 Juden systematisch ermordet wurden. Juden, die in ein KZ eingeliefert wurden, waren dort einem organisierten Terror ausgesetzt, den nur wenige länger als ein paar Wochen überlebten. Auch wenn es sich hier "nur" (im Vergleich zu später) um Zehntausende geht, handelt es sich eindeutig um organisierten Massenmord. Mit Ausbruch des Zweiten Weltkrieges am 1. September 1939 steigerten sich die Repressionen zunehmend: Abgabe des Führerscheins und der Autos, Zwangsumsiedlung in "Judenhäuser", eingeschränkte Einkaufszeiten, zeitliche Ausgehbeschränkungen, Einziehung von Fahrrädern, Elektrogeräten und Wollkleidung, Verbot der Benutzung von Straßenbahnen und Omnibussen, Verbot des Betretens von Krankenhäusern, Verbot von Telefonen und Fernsprechern, Verbot des Kaufes von Zeitungen, Büchern, Blumen und bestimmten Lebensmitteln, niedrige Lebensmittelzuteilungen und weitere. Als Brandmarkung in der Öffentlichkeit diente ab dem 1. September 1941 der "Judenstern". 1942 wurde den jüdischen Kindern auch der Besuch der verbliebenen eigenen (jüdischen) Schulen verboten, auch der Privatunterricht wurde untersagt. Später wurde den Juden auch der Mieterschutz versagt und sie wurden unter Polizeirecht gestellt. Die Zwangsmaßnahmen mündeten über die systematische Ghettoisierung und Deportierung der europäischen Juden schließlich in den Holocaust, im Völkermord an sechs Millionen Juden. Der systematische Völkermord ab September 1939 Top Mit dem 2. Weltkrieg begann am 1. September 1939 zugleich die eigentliche nationalsozialistische Vernichtungspolitik. Sein Ziel hatte Hitler schon 1925 in seiner autobiografischen Propagandaschrift „Mein Kampf“ und in vielen öffentlichen Reden zum Ausdruck gebracht: die vollständige Vernichtung des „Weltjudentums“, wie er es nannte. Dazu bot der Krieg den Nazis neue Möglichkeiten. Denn nun war Juden die legale Ausreise aus dem Deutschen Reich nicht mehr möglich. Dies erlaubte die systematische innenpolitische Erfassung und Isolierung der deutschen Juden und brachte dazu Millionen von europäischen Juden in den besetzten Gebieten, vor allem in Polen, der Ukraine, Weißrussland, der Sowjetunion und Ungarn, in die Reichweite der nationalsozialistischen Herrschaft. Schon im Januar 1939 kündete Hitler in einer Reichstagsrede an, ein neuer Weltkrieg werde die "Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa" bedeuten. Im Vorfeld des Polenfeldzugs schlossen SS und Wehrmacht ein Abkommen, das Heinrich Himmler als "Kommissar für deutsches Volkstum" besondere Vollmachten für die zu besetzenden Gebiete gab. Am 20. September 1939 beschlossen Hitler, Himmler, Reinhard Heydrich und Albert Forster als Nahziel, binnen eines Jahres alle Juden aus dem Reich nach Polen zu bringen und dort in Ghettos zu konzentrieren. Man dachte dabei zunächst wohl noch an die Einrichtung eines überwachten „Judenreservats“ an der russischen Grenze. Im März 1940 wurden die Juden der inzwischen „eingedeutschten“ polnischen Gebiete südlich von Warschau und Lublin zwangsweise „umgesiedelt“. In den größeren polnischen Städten wie Warschau oder Łódź wurden hermetisch abgeriegelte Ghettos für sie eingerichtet. Dort starben daraufhin bereits viele durch Hunger, Kälte und tägliche willkürliche Morde der NS-Wachmannschaften. Der Wehrmachtsbefehlshaber, Johannes Blaskowitz, protestierte und wurde daraufhin von Hitler kurzerhand abgesetzt. Weiteren Protest seitens der Wehrmachtsführung gab es nicht. Im April 1940 wurden diese Zwangsumsiedlungen jedoch vorerst wieder eingestellt, weil sich organisatorische Probleme dabei ergaben. Danach erwog das Reichssicherheitshauptamt im Juni den Plan, alle Juden aus Deutschland und den eroberten Gebieten nach Madagaskar abzuschieben. Es zeigte sich jedoch bald, dass der Krieg einen solchen Massentransport unmöglich machte. Schiffe und Flugzeuge wurden für militärische Zwecke gebraucht und waren nicht über die lange Distanz zu schützen. Im Herbst 1940 verfuhren „Reichsgaue“ eine Zeit lang uneinheitlich mit den Juden ihres Bereichs: So schoben Baden, die Pfalz und das Saarland etwa 6.500 Menschen am 22. und 23. Oktober in unbesetzte Teile Frankreichs ab. Manche Städte erließen in eigener Regie Ausgangsbeschränkungen und zogen die Radioapparate jüdischer Bürger ein. Die Gestapo konnte dies nur unterbinden, indem sie dieselben Maßnahmen reichsweit anordnete. Juden erhielten nun auch keine Kakao- und Schokoladeprodukte mehr, keine Kleiderkarten, kein Textil- und Ledermaterial. Ihre Lebensmittelkarten waren wie ihre Pässe mit einem „J“ markiert, und sie durften täglich erst nach 15:30 Uhr einkaufen, wenn die meisten Regale in den Läden bereits geleert waren. Mit dem Russlandfeldzug begann ab Sommer 1941 die Phase der nationalsozialistischen Massenmorde an Zivilisten in den eroberten Gebieten. Wieder wurden in einem Abkommen mit der Wehrmacht Sondervollmachten für die SS vereinbart - nach den Erfahrungen in Polen konnte es diesmal keine Zweifel geben, was darunter zu verstehen war. Den vorrückenden Truppen der Wehrmacht folgten die so genannten Einsatzgruppen der SS (Schutzstaffel). Diese ließen Juden in Dörfern und Städten sammeln, um sie dann massenhaft zu erschießen: zum Beispiel in Babi Jar bei Kiew (siehe unten) und bei Riga. An vielen solchen Aktionen waren sowohl einzelne reguläre Wehrmachtseinheiten sowie auch drei Polizeibataillone direkt beteiligt. Die Wehrmacht arbeitete auch bei der organisatorische Erfassung von Juden in den besetzten Gebieten eng mit der SS zusammen; nur wenige Kommandeure weigerten sich - sie wurden übrigens nicht bestraft, wenn sie sich weigerten, sich an der Ermordung der Juden zu beteiligen. So lassen sich die Vernichtung durch den Krieg, Vernichtung durch Zwangsarbeit für den Krieg und Vernichtung in den durch Krieg eroberten Gebieten nicht voneinander trennen. Am 9. September 1941 ordnete die Polizei an, dass alle Juden künftig einen gelben Stern in Form eines Davidssterns gut sichtbar an der äußeren Kleidung zu tragen hätten. Im Januar 1942 wurde alle ihre Wolle und Pelze beschlagnahmt. Ab März des Jahres mussten auch die Wohnungen der im Reich verbliebenen Juden mit einem „Judenstern“ gekennzeichnet werden. Sie durften öffentliche Verkehrsmittel nur noch in Ausnahmefällen benutzen. Auch Juden im Alter von über 65 Jahren, die bis dahin verschont worden waren, mussten nun die Deportationszüge besteigen. Die Presse durfte nichts mehr über diese Maßnahmen berichten. Ab 19. Oktober 1942 erhielten die verbliebenen Juden wichtige Nahrungsmittel wie Fleisch, Weizenprodukte, Milch, Kunsthonig, Kakaopulver nicht mehr. Lebensmittelsendungen ins Ausland wurden von ihren Rationen abgezogen, Sonderzuteilungen für Kranke gestrichen. Im Februar 1943 waren alle Beschäftigungsverhältnisse zwischen Deutschen und Juden aufzulösen. Im April 1943 wurde allen Juden und Zigeunern die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. Da Deportationen und Vergasungen in den Lagern längst im vollen Gange waren, war diese Maßnahme nur noch ein Beispiel zynischer bürokratischer Perfektion ohne rechtliche und faktische Bedeutung. Es folgte das Verbot für die noch übrigen Juden, bei Rechtsstreitigkeiten den ordentlichen Rechtsweg vor deutschen Gerichten zu nutzen. Strafbare Handlungen, die sie begingen, wurden direkt von der Polizei geahndet. Angehörige von Deportierten konnten keine Ansprüche auf deren Besitz mehr geltend machen; dieser fiel an das Reich. Diese vollständige Entrechtung machte die noch im Reich lebenden Juden parallel zum Holocaust zum Freiwild. Relativ geschützt vor der Ausrottung waren nur noch Juden in „Mischehen“ (Ehe zwischen Personen unterschiedlicher ethnischer, konfessioneller oder religiöser Zugehörigkeit) oder ausländischer Staatsangehörigkeit. Auch deren Rechte wurden immer weiter eingeschränkt: Man erwog, sie zu sterilisieren oder ihre Ehen aufzulösen. „Mischlinge“ durften ab September 1942 keine höheren Schulen mehr besuchen; Soldaten unter ihnen mussten die Wehrmacht verlassen. Nach dem misslungenen Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 wurden auch alle Beamten entlassen, die mit „jüdischen Mischlingen“ verheiratet waren. Im Januar 1945 wurden alle „Mischlinge“ zum „geschlossenen Arbeitseinsatz“ befohlen. Auf seine Vernichtungsdrohung vom Januar 1939 kam Hitler im Kriegsverlauf oft zurück. So beklagte er 1943 in einer Reichstagsrede, für diese Prophezeiung ausgelacht worden zu sein und schloss an: "Unzählige von denen, die damals gelacht haben, lachen heute nicht mehr." Der Massenmord an Juden in der Schlucht von Babi Jar bei Kiew Top Babi Jar ist der Name einer Schlucht, die außerhalb der Stadt Kiew in der Ukraine lag (mittlerweile innerhalb der Stadtgrenze). Hier wurde ein Massenmord an der jüdischen Bevölkerung durch deutsches Militär verübt, nachdem die Wehrmacht und die SS in Kiew einmarschiert waren. Beteiligt waren Wehrmacht, Angehörige des SD (Sicherheitsdienst), der Polizei, der Geheimen Feldpolizei und der Einsatzgruppe C (Sondereinheit, zuständig für Juden, Zigeuner, Asiaten, Kommunisten), die für die sogenannten Exekutivmaßnahmen gegen die Zivilbevölkerung zuständig war. Mit Plakaten wurden die Juden, die sich noch in der Stadt befanden, aufgefordert, sich an bestimmten Stellen zur "Umsiedlung" zu melden. Die Mörder waren vom Erfolg dieses Aufrufs selbst überrascht: Obwohl man zunächst nur mit einer Beteiligung von etwa 5.000 bis 6.000 Juden gerechnet hatte, fanden sich über 30.000 Juden ein, die infolge einer überaus geschickten Organisation bis unmittelbar vor der Exekution noch an ihre Umsiedlung glaubten. Die Juden wurden zusammengetrieben und zur Schlucht eskortiert. Sie mussten in der Nähe der Schlucht ihre Wertsachen abgeben und sich ausziehen, dann wurden sie in die eigentliche Schlucht geführt und ermordet. Entsprechend dem Einsatzbefehl wurden am 29. September und 30. September 1941 - 33.771 Juden bei Babi Jar systematisch durch Maschinengewehrfeuer ermordet. Die Wehrmacht leistete hier logistische Beihilfe, indem sie die Stadt und die SS absicherte und nach dem Massaker Teile der Schluchtwände sprengte, um mit dem abgesprengten Schutt die Leichenberge zu verstecken, dann wurde das Massengrab planiert. Bis zum 12. Oktober wurden insgesamt 51.000 Juden ermordet. Die Sachen der ermordeten Menschen wurden in einem Lagerhaus aufbewahrt und an Wehrmachtssoldaten verteilt. Einer der Mörder sagte später aus: "Die Juden mussten sich mit dem Gesicht zur Erde an die Muldenwände hinlegen. In der Mulde befanden sich drei Gruppen mit Schützen, mit insgesamt etwa 12 Schützen. Gleichzeitig sind diesen Erschießungstrupps von oben her laufend Juden zugeführt worden. Die nachfolgenden Juden mussten sich auf die Leichen der zuvor erschossenen Juden legen. Die Schützen standen jeweils hinter den Juden und haben diese mit Genickschüssen getötet. Mir ist heute noch in Erinnerung, in welches Entsetzen die Juden kamen, die oben am Grubenrand zum ersten Mal auf die Leichen in der Grube hinunterblicken konnten." Weitere Massenmorde an sowjetischen Militärgefangenen und Zivilbevölkerung unterschiedlicher Nationalitäten wurden systematisch ausgeführt. Den unterschiedlichen Schätzungen zufolge wurden 150.000 bis 200.000 Menschen hingerichtet. Im November 1943 wurde Kiew durch die Rote Armee befreit. Babi Jar diente bis August 1943 als Mordstätte; dann mussten jüdische KZ-Häftlinge die Leichen exhumieren und verbrennen, um die Spuren der Massenmorde zu verwischen. Doch es blieben genügend Hinweise auf das Massaker zurück, die später von der vorrückenden Roten Armee gefunden wurden. Außerdem sind die Massenmorde durch Aussagen von Tätern, Zuschauern und einigen Überlebenden dokumentiert. Babi Jar Die Vernichtungslager (Konzentrationslager) Top Das erste Konzentrationslager war bereits 1933 in Dachau bei München eingerichtet worden. Es diente wie andere KZs seiner Art bis 1938 vorrangig der Inhaftierung und Liquidierung politischer Gegner – darunter in den ersten Jahren des NS-Regimes vor allem Kommunisten, Sozialdemokraten, Pazifisten, linken Intellektuellen, bot aber auch ein Modell für spätere Vernichtungslager. Juden wurden dort von Anfang an besonders terrorisiert und hatten die höchsten Sterblichkeitsraten. Für die geplanten Morde im großen Stil galten Massenerschießungen, wie sie unmittelbar nach Kriegsbeginn in Polen einsetzten, bald als „ineffizient“. Zudem sollten anonymisierte Tötungsmethoden die psychologische Hemmschwelle der Täter weiter senken oder ganz beseitigen. Daher erprobten die Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD (Sicherheitsdienstes) seit Herbst 1941 Massentötungen mit Hilfe von mobilen Vergasungswagen. Es handelte sich hierbei um einen durch die Aufschrift “Kaiser’s Kaffee” getarnten Anhänger, in den reines Kohlenstoffmonoxidgas aus einigen in der Zugmaschine mitgeführten Stahlflaschen eingeleitet wurde. Dieses Gespann war nur wenige Monate in Benutzung, da die Anlieferung der Gasflaschen aus Ludwigsburg nicht praktikabel war. Eine Besonderheit stellen die zwei (zeitweilig auch drei) Gaswagen im Konzentrationslager Chelmno/Kulmhof (im heutigen Polen) dar, die als stationäre Gaskammern eingesetzt wurden. Dort wurden allein im Januar 1941 10.003 Personen ermordet. Die Vernichtungsaktion wurde im März 1943 vorübergehend beendet, Ende Mai 1944 jedoch wieder aufgenommen und bis Januar 1945 fortgeführt. Zuverlässig belegt werden kann die Anzahl von 152.676 Opfern. Auf Anregung von Heinrich Himmler wurden im Herbst 1941 in Mogilew (Stadt in Weissrussland) Tötungsversuche mit Autoabgasen durchgeführt, um die Erschießungskommandos künftig von ihren blutigen Mordtaten entlasten zu können. Am 3. November 1941 wurde ein Gaswagen im Konzentrationslager Sachsenhausen erprobt; dabei tötete man 30 russische Kriegsgefangene mit Motorabgasen. Im Dezember 1941 waren Gaswagen neben Chelmno/Kulmhof, auch in Riga (Lettland) und bei einigen Einsatzgruppen im Einsatz; ab 1942 tauchten Gaswagen bei den Einsatzgruppen in Weißrussland auf. Auch in Jugoslawien wurden sie eingesetzt. Zuvor war von 1939 bis 1941 bei der so genannten Euthanasieaktion zur Ermordung geistig und körperlich schwer Behinderter, in einer Villa in der Berliner Tiergartenstraße 4, Kohlenstoffmonoxid in Gaskammern verwendet worden. In dieser systematischen, reichsweiten Aktion waren Medikamente, Nahrungsentzug, Injektionen und Gas als Tötungsinstrumente erprobt worden. Auch andere Einzelheiten der später eingesetzten Mordmaschinerie wurden damals getestet und ausgefeilt. Ärzte, Verwaltungs- und Transportspezialisten der Euthanasie-Aktion stiegen zum Teil in der SS-Hierarchie auf und gaben ihre Erfahrungen an die Mannschaften in den Vernichtungslagern weiter. Da sich die von der SS-Führung gewünschte Mordrate auch mit den Methoden, wie sie bei der Euthanasieaktion eingesetzt worden waren, nicht erzielen ließ, wurden schließlich Vernichtungslager (Konzentrationslager) errichtet, deren Hauptzweck die fabrikmäßige Tötung einer möglichst großen Zahl von Menschen war. Sieben solcher Vernichtungslager wurden angelegt in:
Vernichtungslager
Aus dem ganzen von deutschen Truppen besetzten Europa wurden bis Kriegsende Menschen allein zum Zweck ihrer Vernichtung in diese Konzentrationslager deportiert. Daneben gab es noch etliche Sammellager, Arbeitserziehungslager, sogenannte Zwangsarbeiterstraflager, in die Arbeiter wegen angeblicher "Nichterfüllung ihrer Arbeitspflicht" deportiert wurden, 8 Jugendkonzentrationslager, auch Jugendschutzlager oder Jugendverwahrlager genannt ("Swing-Jugend", kriminelle Jugendliche, sexuell freizügige junge Frauen, "Asoziale", Partisaninnen) und Todeslager für Babys von Zwangsarbeiterinnen.. Daneben gab es Polenjugendverwahrlager in Lodz für Kinder und Jugendliche zwischen 2 und 16 Jahren, für "abweichende" oder widerständige polnische und tschechische Jugendliche, oder Jugendliche, deren Eltern zur Zwangsarbeit verschleppt wurden, über 100 Erziehungslager bei Firmen, Ghettolager (abgetrennte Stadtteile), allein in Osteuropa gab es ca. 600 Ghettos, in denen mindestens 4 Millionen Menschen zwischenzeitlich interniert wurden, Sicherungslager, Arbeitslager, Polizeihaftlager, Aufenthaltslager, SS-Sonderlager und Ausländerpflegestätten, für die Kinder von Zwangsarbeitern. Insgesamt gab es im Deutschen Reich 24.000 Lager, darunter 7 Vernichtungslager. Auch die Arbeitslager dienten der Vernichtung, nämlich durch Arbeit. Menschen, die keine Arbeit mehr leisten konnten, wurden, soweit sie nicht an den unmenschlichen Bedingungen von selbst zugrunde gingen, ermordet, insbesondere durch Erschießen. Diejenigen Kranken, die nicht in voraussichtlich vier Wochen wieder arbeitsfähig waren, wurden vom medizinischen Personal mit Phenol oder anderem zu Tode gespritzt. Auch in den Arbeitslagern überlebten viele Gefangene nur kurze Zeit. Soweit sie nicht schon beim Transport in Viehwaggons umgekommen waren, wurden sie gleich nach ihrer Ankunft in Arbeitsfähige und Nicht-Arbeitsfähige selektiert. Kinder und ihre Mütter, Alte und Kranke, wurden gleich nach der Selektion in Gaskammern geführt, die meist als Duschräume getarnt waren. In Auschwitz wurden sie mit Zyklon B vergast. In anderen Vernichtungslagern wurden meistens Motorabgase benutzt. Das Gas verursachte mitunter einen qualvollen, bis zu 20 Minuten dauernden Erstickungstod. Die Leichen wurden anschließend in Krematorien verbrannt. Körperliche Überreste – Haare und Goldzähne – und Privatgüter der Opfer, Kleidung, Schuhe, Brillen, Koffer usw. wurden von der SS industriell verwertet. Hinzu kamen Menschenversuche zu militärischen, medizinischen und anderen Zwecken in den Lagern. Die Opfer wurden zum Beispiel in Druckkammern extrem hohem oder niedrigem Luftdruck ausgesetzt, in Eiswasser unterkühlt, mit Bakterien infiziert, für chirurgische Versuche und vieles mehr missbraucht. Die Täter, etwa der SS-Arzt Josef Mengele, nahmen den Tod oder lebenslange Gesundheitsschäden der Versuchspersonen bewusst und ohne jede Skrupel in Kauf. An vielen deutschen und schweizerischen Forschungseinrichtungen fanden sich noch bis vor kurzem menschliche Körperteile, die einst von den Nazis zu „Untersuchungszwecken“ angefordert und geliefert worden waren. Im KZ Ravensbrück starben durchschnittlich 50 Frauen am Tag, sei es an Entbehrungen, sei es, dass sie sich selbst umbrachten, indem sie sich in die das Lager umgebenden, elektrisch geladenen Stacheldrähte stürzten. Die deutsche Wehrmacht marschierte im März 1944 in Ungarn ein. Zwischen Mai und Juli desselben Jahres wurden ungefähr 440.000 ungarische Juden nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Arbeitsfähige wurden als Zwangsarbeiter in andere Lager überstellt. Ungefähr 250.000 ungarische Juden wurden in Auschwitz ermordet. Da die Kapazität der Krematorien nicht ausreichte, wurden Leichen auch in offenen Gruben (Scheiterhaufen) verbrannt. In Auschwitz-Birkenau fanden ungefähr eine Million Menschen, meist Juden, Sinti und Roma, sowie polnische Intellektuelle und sowjetische Kriegsgefangene, den Tod Im Sommer 1944, während der Deportation der ungarischen Juden, konnten täglich in Auschwitz und in dem zu Auschwitz gehörenden Nebenlager Birkenau, in 17 Gaskammern, wo die Menschen vergast wurden, und in 4 Krematorien mit 17 Verbrennungsöfen und zwei Bunkern mit Scheiterhaufen, deren Kapazität unbegrenzt war, bis zu 24.000 Menschen getötet und verbrannt werden. Die Asche der Toten diente als Dünger auf den Feldern, zur Trockenlegung von Sümpfen oder wurde einfach in die umliegenden Flüsse oder Teiche geschüttet. Mit andern Worten, dort wurden von den Nationalsozialisten pro Tag 24.000 Menschen ermordet. Am 7. Oktober 1944 führte das jüdische Sonderkommando des KZ Auschwitz- Birkenau, die dazu gezwungen wurden, die Ermordung und die „Verwertung“ der Opfer durchzuführen, und von den anderen Häftlingen getrennt gehalten wurden, einen Aufstand durch. Weibliche Gefangene hatten Sprengstoff von einer Waffenfabrik eingeschmuggelt, und das Krematorium IV wurde damit teilweise zerstört. Anschließend versuchten die Gefangenen eine Massenflucht, aber alle 250 Entflohenen wurden kurz darauf gefasst und getötet. Man schätzt heute, dass insgesamt sechs Millionen Juden in den Lagern des Dritten Reiches ermordet wurden oder an den Folgen von Misshandlungen und Krankheiten gestorben sind. Es wurden neben Juden, polnischen Intellektuellen und russischen Kriegsgefangenen viele andere ermordet: Homosexuelle, geistig Behinderte, Zigeuner, politische Gegner, Kommunisten, SPD-Mitglieder, Gewerkschafter, Bibelforscher (Zeugen Jehovas, Freie Bibelforscher, Siebenten-Tags-Adventisten, christliche Oppositionelle und Quäker). Aber auch Asoziale (Sinti, Roma, Zigeuner, Prostituierte, Lesben, Obdachlose, Bettler, Suchtkranke (z.B. Alkoholiker), Unangepasste (z.B. Swingjugend)), Kriminelle, Arbeitsscheue, Slawen (Russen, Ukrainer, Polen, Tschechen, Weißrussen, Slowaken, Slowenen, Kroaten, Serben, Montenegroer, Bulgaren, Mazedonier, Bosnier, Kasachen, Moldawen, Esten und Letten), sowie polnische, französische, tschechische, jugoslawische, holländische, belgische, russische, ungarische Juden und Kriegsgefangene... wurden von den Nationalsozialisten inhaftiert und ermordet. Auch die Edelweißpiraten, unangepasste Arbeiterjugendliche, vorwiegend aus dem Rhein-Ruhr-Gebiet, die seit etwa 1938 das Edelweiß als Protestsymbol gegen die Zwangsmitgliedschaft in der Hitler-Jugend trugen, die später offene provokante Gegenwehr gegen die Hitler-Jugend und die Gestapo leisteten und versuchten, verfolgte Juden und Deserteure zu verstecken und mit militanten Mitteln NS-Einrichtungen und Personen anzugreifen, wurden von den Nazis verfolgt. Das gleiche galt für die Bündische Jugend (Pfadfinder). Die Anzahl der Toten ist bis heute unklar, da am Ende des Krieges keine Ermordungen mehr festgehalten wurden. Das NS-Regime betrieb damals im Reichsgebiet und den besetzten Gebieten mehr als 24.000 Lager, einschließlich aller Außenlager. Auschwitz-Birkenau ist zwar das weltweit bekannteste aller Vernichtungslager, dennoch ist nachgewiesen, dass im erheblich weniger bekannten Treblinka bei Warschau deutlich mehr jüdische Menschen vergast wurden als in Auschwitz-Birkenau. Gaswagen
Jüdischer Widerstand im Warschauer Ghetto Top Weit verbreitet ist die Auffassung, die Juden hätten kaum Widerstand gegen ihre Deportationen und gegen die Ermordung geleistet. Nur wenige von ihnen ahnten zunächst etwas vom ganzen Ausmaß des ihnen zugedachten „Schicksals“. Für viele waren die Informationen über Massenvernichtungslager, die um 1942/1943 unter anderem in den jüdischen Ghettos kursierten (die Juden wurden in mehr als 600 Städten in jüdische Ghettos zusammengetrieben), nichts anderes als Gerüchte. Die Vorstellung, dass sie als ganzes Volk ermordet werden sollten, erschien den meisten anfangs als wenig glaubhaft. Auch wenn sie unter der Unterdrückung der Nazis schon seit Hitlers Machtergreifung offensichtlich zu leiden hatten und viele von ihnen schon in den Ghettos an Hunger, Mangelkrankheiten oder in Folge gewaltsamer Übergriffe starben, nahmen sie doch an, dass ihr Leben insgesamt, zumindest als Arbeitskraft, wichtig genug war, um wenigstens als Sklavenarbeiter überleben zu können, bis die Deutschen besiegt seien. So entstand das Bild von den scheinbar willenlosen Opfern, die ihren Verfolgern nichts entgegenzusetzen gehabt hätten. Tatsächlich war der Widerstand der Juden gegen ihre Mörder, wenngleich unter denkbar ungünstigen Bedingungen, zumindest nach dem Beginn des 2. Weltkriegs verbreiteter und vielfältiger, als weithin angenommen wird. Eines der bekannteren Beispiele dafür war der Aufstand im Warschauer Ghetto vom 19. April 1943 bis zum 16. Mai 1943. Er wurde organisiert durch die jüdische Kampforganisation „ZOB“ (polnisch: Żydowska Organizacja Bojowa = deutsch: Jüdische Kampforganisation) in der Endphase der Auflösung des Ghettos durch die Nazis, als alle dort noch verbliebenen Juden in die Vernichtungslager, vor allem nach Treblinka, bei Warschau in Polen, deportiert werden sollten. Im März 1940 fanden brutale antisemitische Pogrome statt, die von etwa tausend polnischen Jugendlichen verübt wurden, statt, die vom deutschen Luftwaffenkorps vier Zloty pro Tag für die Verprügelung von Juden bezahlt bekamen. Drei Tage lang wüteten sie ungehindert, aber am vierten Tag führte die Miliz des "Bundes", eine nicht-religiöse Organisation jüdischer Sozialisten, die aus der Tradition der russischen Sozialdemokratie kam, Gegenaktionen durch, die in vier offenen Straßenschlachten mündeten. Diese Aktionen waren gut organisiert. Aber die anderen größeren jüdischen Gruppen beteiligten sich nicht - mit dem Argument, das würde nur einen Gegenschlag seitens der Besatzungstruppen provozieren. Die Nationalsozialisten hatten die Juden in der polnischen Hauptstadt ab dem 15. November 1940 wegen angeblicher Seuchengefahr hinter einer 18 Kilometer langen Mauer zusammengepfercht. Nicht nur Juden aus Warschau, sondern auch aus anderen polnischen Regionen und Ländern wurden hierher deportiert. Trotz katastrophaler Überfüllung - bis zu neun Personen bewohnten einen Raum, steckte die SS immer mehr jüdische Menschen ins Warschauer Ghetto, dem bei weitem größten seiner Art. Zu Beginn des Jahres 1941 gab es dort 300.000 Juden. Damit stellten sie die zweitgrößte jüdische Gemeinde der Welt. In der Spitze lebten bis zu 445.000 Menschen im hermetisch abgeriegelten Gebiet im Stadtzentrum, Überbevölkerung und Hunger forderten einen schrecklichen Tribut: keinem Juden war das Backen von Brot gestattet, Typhus und Gelbfieber verbreiteten sich, die monatliche Sterberate erreichte 6.000. Die Straßen waren mit Leichen übersät. Die Spitäler waren überfordert - die Nazis hielten Versorgung und Medikamente zurück. Zudem hatte im Juli 1942 die Räumung des Ghettos begonnen: Bis zum 19. April 1943 waren mehr als 300.000 Frauen, Kinder, Männer und Greise ins Konzentrationslager Treblinka (Polen) und in andere Vernichtungslager deportiert worden. Trotz dieser miserablen Bedingungen bewies die Gemeinde ihre Geschicklichkeit und ihren Willen zum Überleben. Eine Armee von Schmugglern riskierte jede Nacht ihr Leben, indem sie die Einzäunung überquerte, um Nahrungsmittel hineinzuschaffen. Frauen spielten dabei eine besonders wichtige Rolle. Schulen wurden gegründet, Theatergruppen aufgebaut, Mieterräte reparierten und erhielten Gebäude. Um Hungernde zu ernähren, wurden Suppenküchen eingerichtet. An Widerstand denkt aber weiter nur eine Minderheit. Die Mehrheit konzentriert sich, auch unter immer katastrophaleren Bedingungen, auf das eigene Überleben. Die Aufrufe des jüdischen "Bundes" und anderer linken Gruppen zum Widerstand bleiben aber unter der Masse der Juden weiter ungehört. Im Juli 1942 wurde dem Judenrat mitgeteilt, daß alle "unproduktiven" Juden, also all jene, die nicht fähig waren, extrem langes und schweres Arbeiten durchzustehen, anzuweisen seien, sich auf den Umschlagplatz zu begeben, zu der Zugstation, die das Tor zum KZ in Treblinka (Polen) war. Wir können nur eine dunkle Ahnung vom Horror der Ereignisse der nächsten zwei Tage haben. Marek Edelman beschreibt, wie ukrainische Hilfs-Truppen der SS die Menschen mit ihren Gewehrkolben in Eisenbahnwaggons prügelten und ungezielt in die Menge schossen, um sie dazu zu bringen, sich in die Wagen zu begeben. Innerhalb von zwei Tagen wurden 60.000 Leute nach Treblinka deportiert. Bis September 1942 verblieben nach zahlreichen weiteren Deportationen lediglich 60.000 Juden im Warschauer Ghetto. Die Bedingungen waren nun quälend unterdrückerisch und schließlich wurde im Oktober 1942 die (ZOB - Jüdische Kampforganisation) gebildet. 1943 gibt es für die Juden im Warschauer Ghetto nichts mehr, wofür es sich zu leben lohnt. Hoffnung auf ein besseres Leben, auf die künftigen Generationen, das Wort Zukunft existiert nicht. Die Bewohner des jüdischen Wohnbezirks wissen, dass sie sterben müssen, doch wollen sie zumindest die Art und Weise bestimmen: als freie Menschen, mit Würde und der Waffe in der Hand. Ihr Kommandant war Mordechaj Anielewicz von der linkszionistischen Jugendorganisation "Haschomer Hazair", sein Stellvetreter Marek Edelman vom "Bund". Sie umfasste Kampfeinheiten von allen Jugendbewegungen: des Bundes, der Stalinisten, der Links- und Zentrums-Zionisten. Nur die rechten Zionisten, deren eigene Organisation zwei Tage nach dem Beginn der Kämpfe ausgelöscht war, lehnten die Teilnahme ab. Auch eine trotzkistische Organisation, die bis zu den letzten Tagen des Aufstandes ihre Untergrundzeitung veröffentlichte, war aktiv am Widerstand beteiligt. Die ZOB führte nun neben politischer Arbeit Hinrichtungen von jüdischen Kollaborateuren durch. Diese Aktionen wurden oft durch die Infiltration der jüdischen Polizei, die zuvor von den Nazis angeordnet wurde, ausgeführt. Sie lüfteten das Klima im Ghetto enorm. Bis zum Ende des Dezember 1942 erhielt die ZOB den ersten Transport von Waffen vom polnischen Widerstand. Aber bevor sie handeln konnte, wurde das Ghetto am 12. Januar wieder umringt. Die zweite Liquidierungswelle hatte begonnen. Im Laufe der Ereignisse des Januar 1943 gingen 80 Prozent des ZOB-Kommandos verloren. Aber das Ghetto war elektrisiert durch diesen Widerstand. Die Menschen kämpften um die Teilnahme an der ZOB. Die ZOB kommandierte bald das Ghetto. Es übernahm die Finanzen des Judenrates und besteuerte die reicheren Bewohner, um Geld für den Ankauf von Waffen aufzubringen. Ihre Handlungen inspirierten auch den polnischen Untergrund, der sie schnell mit 50 großen Pistolen und 55 Handgranaten versorgte. Die ZOB führte Sabotageaktionen durch und verjagte jüdische Vorarbeiter, die angestellt waren, um Juden die Annahme von "guten" Arbeitsbedingungen in Arbeitslagern schmackhaft zu machen. Die Nazis erkannten schnell, dass der einzige Weg, mit den verbliebenen Juden fertig zu werden, nur der der Gewalt sein würde. Die letzte Aktion gegen das Ghetto begann am 18. April 1943. Das Vorhaben war, Warschau für den 20. April - Hitlers Geburtstag - "judenfrei" zu präsentieren. Am 19. April 1943, dem Tag des jüdischen Pessachfestes, beginnt die letzte Aktion im Warschauer Ghetto. Rund 56.000 Menschen leben zu diesem Zeitpunkt noch im so genannten "jüdischen Wohnbezirk". Ziel Himmlers ist es, Warschau für Hitlers Geburtstag einen Tag später "judenfrei" zu präsentieren. Doch etwa 750 spärlich bewaffnete Kämpfer setzen sich gegen die Übermacht zur Wehr. Erst fast einen Monat später hat die SS den ersten Aufstand in einer von den Deutschen besetzten Stadt blutig niedergeschlagen. Die Untergrundorganisation war von Kurieren, die zwischen dem „arischen“ Teil und dem abgeriegelten jüdischen Ghetto Warschaus unter lebensgefährlichen Bedingungen pendelten, nach und nach mit eingeschmuggelten Waffen, hauptsächlich Gewehre, Pistolen und entsprechender Munition, Handgranaten und Sprengstoff beliefert worden. Die in verschiedenen Häusern des Ghettos kämpfenden Gruppen konnten den eindringenden Räumkommandos der SS zunächst in einem Überraschungsmoment hohe Verluste beibringen und sie in die Flucht schlagen. In der Nacht vom 18. auf den 19. April, der Nacht des jüdischen Pessachfestes, umstellten die Faschisten das Ghetto mit Maschinengewehren und einer Kette polnischer Polizei. Die Kampfgruppen der ZOB, der im Oktober 1942 gegründeten "Jüdischen Kampforganisation", beziehen hinter den Barrikaden Position. "Wir haben sie erwartet und waren bereit, uns zu verteidigen", sagt Marek Edelmann, einer der Anführer. Um 4.00 Uhr am 19. April stürmen die deutschen Truppen das Gebiet, der Kampf beginnt. Gegen ein paar hundert mit Pistolen, Handgranaten und Molotowcocktails, ein paar Gewehren und einem einzigen Maschinengewehr bewaffnete jüdische Widerstandskämpfer und eine mit Äxten, Messern und ihren bloßen Fäusten ausgerüstete Bevölkerung traten ein Bataillon der Panzergrenadiere und eine Kavallerieabteilung der Waffen-SS, zwei Artillerieabteilungen und eine Pionierabteilung der Wehrmacht, eine Gruppe der Sicherheitspolizei, ein Bataillon der SS-Schule in Trawniki und ukrainische und lettische Hilfstruppen an. Aber obwohl die "glorreiche" SS Panzer schickte, hatte sie den Widerstand der ZOB unterschätzt. Die jungen jüdischen Männer und Frauen haben das Überraschungsmoment auf ihrer Seite. Im folgenden Kampf wurden 200 SS-Soldaten getötet, der Rest zieht sich zurück. Um zwei Uhr nachmittags an diesem Tag gab die SS auf. Die Partisanen jubelten. Ihre schlecht bewaffneten Kräfte hatten den "Stoßtruppen" der deutschen Armee eine Niederlage beigebracht. Als die Nazis erkannten, dass sie das Ghetto nicht durch Kugeln und Panzer einnehmen konnten, entschied sich die SS dafür, das Ghetto anzuzünden. Tausende gingen in den Flammen zugrunde, aber die ZOB führte den Kampf weiter. Trotz der Übermacht der Deutschen kämpft der jüdische Widerstand mit einigen hundert Pistolen, Messern, einigen Handgranaten und selbstgemachten Molotow-Cocktails sowie etwa 100 Gewehren und einem einzigen Maschinengewehr gegen mehr als 2.000 Soldaten, die durch Panzer, Artillerie und Luftwaffe unterstützt werden. Wären mehr Waffen da gewesen, es hätten sich noch viel mehr Juden am Aufstand beteiligt. So konnten sich die jüdischen Widerstandsgruppen in einem etwa vier Wochen andauernden Häuserkampf halten. Auch wenn die jüdischen Kämpfer an den ersten Tagen die Angriffe zurückschlagen können, zahlenmäßig unterlegen und unzureichend bewaffnet sind, haben sie letztlich keine Chance. Die Nazis merken, dass ihnen der Häuserkampf große Schwierigkeiten bereitet. Sie beginnen, das Ghetto systematisch in Brand zu stecken, um so die Aufständischen aus ihren Verstecken herauszutreiben. Tausende stürzen brennend auf die Straße, Feuer, Hitze und Rauch verwandeln das Ghetto in eine Flammenhölle. Fliehende jüdische Widerstandskämpfer werden von den deutschen Truppen erschossen. Am 8. Mai 1943, etwa einen Monat nach Beginn des Aufstands und zwei Jahre vor der Kapitulation Nazi-Deutschlands, umzingeln deutsche und ukrainischen Einheiten das Hauptquartier der jüdischen Widerstandskämpfer in der Mila-Straße 18. Kaum mehr als 120 der Kämpfer sind zu diesem Zeitpunkt übrig geblieben. Dennoch dauert der Beschuss des Gebäudes zwei Stunden, dann werfen die Deutschen eine Gasbombe. Keiner will sich lebend ergeben, diejenigen, die nicht durch Kugeln oder Gas sterben, begehen Selbstmord. Nur wenige entkommen durch die Abwässerkanäle aus dem Ghetto. Am Ende blieb den noch übrigen Kämpfern nur die Kapitulation und damit in den meisten Fällen der Tod durch Erschießen. Rund 7.000 Juden kommen bei den Kämpfen ums Leben oder werden im Ghetto erschossen, die Übrigen ins Vernichtungslager Treblinka abtransportiert und ermordet. Am 16. Mai 1943 findet die Großaktion mit der Sprengung der Warschauer Synagoge ein Ende. SS-Brigadeführer Jürgen Stroop meldet in seinem Bericht den erfolgreichen Abschluss der Liquidierung: "Es gibt keinen jüdischen Wohnbezirk in Warschau mehr." Der Aufstand aber verfehlt sein Ziel nicht: Er facht den jüdischen Widerstand über Polen hinaus an. Und tatsächlich fachte der Kampf des Ghettos den Widerstand über Polen hinaus an. Die französische und belgische jüdisch-kommunistische Untergrundpresse reagierte auf die Nachrichten aus Warschau (die Radio London erst mit mehrwöchiger Verspätung bekannt gab) mit Aufrufen zur Verstärkung des eigenen Kampfes. Sie forderte die jüdische Jugend, die jüdischen Arbeiter auf, dem Beispiel von Warschau zu folgen. Wo immer Ihr auch seid, bildet Kampfgruppen! Die heroischen Kämpfer der ZOB zeigten, dass es selbst unter den schlimmsten Bedingungen, selbst im Angesicht des Todes besser ist, sich zu vereinigen und zu kämpfen, in Würde zu sterben, als sich widerstandslos abschlachten zu lassen. Dieser Kampf entlarvt die antisemitische Legende, dass die Juden wie "Schafe zur Schlachtbank" in die Gaskammern gegangen wären. Aber die Geschichte des Warschauer Ghettos zeigt auch, warum der Faschismus von Anfang an bekämpft werden muss, um die grenzenlose Barbarei, die seinem Sieg folgt, zu verhindern. Holocaust
Jüdischer Widerstand in den Konzentrationslagern Top Ferner gab es in den KZs und Vernichtungslagern Osteuropas in einigen Fällen Revolten und Aufstände der jüdischen Häftlinge bzw. Teilen von ihnen: So kam es zum Beispiel am 14. Oktober 1943 zu einem von jüdisch-russischen Kriegsgefangenen angeführten Aufstand im Vernichtungslager Sobibor in Ostpolen. Dabei gelang es den Aufständischen, neun Angehörige der Wachmannschaften zu töten, bevor die gut vorbereitete Revolte bemerkt wurde. Sie weitete sich zu einem Massenaufstand der Juden aus, denen es gelang, die Tore zum Lager zu öffnen. 320 jüdische KZ-Insassen konnten fliehen. Viele von ihnen schlossen sich anschließend verschiedenen Partisanengruppen in den Wäldern an. Das Ende des Krieges überlebten jedoch nur 47 der Flüchtlinge aus Sobibor. Die Nazis gaben das Lager in Folge der Massenflucht bis Ende 1943 auf. Im KZ Auschwitz-Birkenau (Polen), dem größten Vernichtungslager der Nazis, gab es in der Zeit seines Bestehens etwa 700 einzelne Fluchtversuche, von denen etwa 300 erfolgreich waren. Am 7. Oktober 1944 kam es zum verzweifelten Aufstand des jüdischen Sonderkommandos in Auschwitz, das an den Krematorien, den Verbrennungsöfen für die Opfer der Massenvergasungen, eingesetzt war. Durch die Zündung des von weiblichen Gefangenen eingeschmuggelten Sprengstoffs wurde ein Teil des Krematoriums IV zerstört. 250 Gefangene versuchten eine Massenflucht. Sie alle wurden jedoch relativ schnell gefasst und umgebracht. Alltag und SS-Terror im KZ Mauthausen Top Der Tagesablauf des Konzentrationslagers Mauthausen in Österreich, welches von den Häftlingen auch als Mordhausen bezeichnet wurde, war anders als der Tagesablauf anderer KZs, was vor allem daran lag, dass der SS-Gruppenführer Theodor Eicke eine ganz besonderen Methoden hatte, ein Lager zu führen, vor allem was die Strafe anging. Diese Strafen begleiteten den gesamten Tagesablauf. Eicke hatte vorher „Erfahrung“ im KZ Dachau gesammelt. So übernahm er auch die im KZ Dachau erlassenen Strafverordnungen. Die Ernährung eines Häftlings im Konzentrationslager Mauthausen war, wie in allen Konzentrationslagern, mehr als unzureichend. Das verabreichte Essen, das die Häftlinge täglich erhielten, hatte etwa 1.450 Kalorien. Bei der langen und sehr schweren Arbeit, die die Häftlinge zu verrichten hatten, wären mindestens 4.500 Kalorien notwendig gewesen. Aufgrund der mangelnden Ernährung und der schweren Arbeit betrug die durchschnittliche Lebensdauer eins Häftlings bis Herbst 1939 etwa 15 Monate, ab 1945 nur noch 6 Monate. Der Arbeitseinsatz betrug 11 Stunden. Insgesamt waren in Mauthausen 197.464 Häftlinge inhaftiert, von denen ungefähr 100.000 ermordet wurden bzw. starben. Die offiziellen Strafmaßnahmen im Konzentrationslager waren Ordnungsstrafen (Essensentzug, Strafarbeit), Arreststrafen, Dunkelarrest und als letztes: körperliche Züchtigungen. Zu den Ordnungsstrafen gehörten im allgemeinen Strafarbeit unter Aufsicht eines SS-Unterführers, ein „Briefschreibverbot“ bzw. ein Verbot, Briefe zu empfangen, Essensentzug bei voller Beschäftigung und schlimmstenfalls die Einweisung in die Strafkompanie des Konzentrationslagers, was einem Todesurteil gleich kam. Die Strafkompanie hatte die härteste Arbeit zu leisten, so z.B. das Hochtragen der schweren Granitblöcke über die sogenannte „Todesstiege“. Die Treppe führte vom Steinbruch aus hoch zum Lager, wobei der Zustand nicht einer Treppe entsprach, da sie sehr steil war und die Stufenabstände mal sehr groß und mal sehr klein waren. Heute sind die 186 Stufen der Treppe leichter zu begehen, da die Treppe renoviert wurde. Theoretisch hatten die Häftlinge im
Konzentrationslager Mauthausen nach dem Abendzählappell bis 20.45 Uhr
frei, dazu kam es allerdings fast nie, denn man musste lange für die
Toiletten- und Waschräume anstehen. Um 20.45 mussten dann alle
Häftlinge in ihren jeweiligen Baracken sein und ab 21.00 Uhr war
Bettruhe. Allerdings wurden Abends sehr oft Laus- Kleider- oder
Spindkontrollen angeordnet, um die Häftlinge zu schikanieren und ihre
Nachtruhe zu kürzen. So konnten die Häftlinge oft nur 6 Stunden
schlafen. Geweckt wurden die Häftlinge um 4.45 Uhr im Sommer und im
Winter um 5.15 Uhr. Die Arreststrafen waren meist mit Stockschlägen verbunden und der verschärfte Arrest wurde in der Dunkelkammer (Stehbunker) vollzogen, ohne die Möglichkeit zum Hinlegen bzw. Sitzen. Zur körperlichen Züchtigung gehörte vor allem das Schlagen mit einem „Ochsenziemer“ (Rohrstock, der klassische Ochsenziemer wird aus der gereinigten, gedehnten und nach schraubenförmigem Verdrehen getrockneten Haut eines Bullen-Penis hergestellt). Die Anzahl der Schläge, die man als Strafe bekommen konnte, lag zwischen 5 und 75 (!). Waren es mehr als 25 Schläge, so musste der Häftling, egal welcher Nationalität, laut auf Deutsch mitzählen. Verzählte er sich, oder machte er einen Fehler, wurde von vorne angefangen. Laut Vorschriften sollte die Strafhandlung nur im Beisein eines SS-Arztes stattfinden, was aber nie der Fall war. Aufgrund einer Weisung „Reichsführer-SS“, Heinrich Himmler vom 2. Dezember 1942 sollten „Prügelstrafen nur noch als letztes Mittel angewandt werden“. Dadurch musste man eine Prügelstrafe immer beim Wirtschafts- Verwaltungshauptamt bzw. dem dortigen Inspekteur der KZs anmelden, was dem Lagerführer des Konzentrationslagers oft viel zu kompliziert war. Von diesem Datum an wurde die Prügelstrafe nur noch sehr selten angewandt. Als weitere Disziplinarbehandlung gab es das sogenannte Tor- oder Strafestehen. Die betroffenen Häftlinge mussten dafür stundenlang, Tage und Nächte in der Nähe des Lagertores stehen, während sie von vorbeigehenden SS-Männern „zum Spaß“ geschlagen oder getreten wurden. Eine der schlimmsten Misshandlungen bzw. Strafen war das "Pfahlhängen", auch "Baumhängen" genannt, das oft in Mauthausen verübt wurde. Dem Häftling, der damit bestraft wurde, „wurden die Hände mit einem etwa fingerdicken Strick auf dem Rücken zusammengebunden. An diesem Strick wurde das Opfer dann am Querbalken einer Baracke in etwa 2 Meter Höhe aufgehängt, so dass der Körper frei in der Luft schwebte. Das ganze Körpergewicht lastete auf den nach rückwärts gebogenen Gelenken. Dabei können die Schultergelenke ausgekugelt werden. Diese Tortur war mit großen Dehnungsschmerzen der Muskulatur, mit Bewusstseinstrübung und nach 30 Minuten mit völliger Ohnmacht verbunden“. Mit dieser qualvollen Tortur bestrafte die SS Häftlinge oder versuchte Geständnisse zu erpressen. (Im Konzentrationslager Dachau, wurde ab 1941 der im Wirtschaftsgebäude befindliche Baderaum, wo man bis zu 49 Häftlinge an den zu diesem Zweck angebrachten Balken aufhängen konnte, für den Vollzug dieser Folter benutzt.) Der Schriftsteller, Kommunist und Antifaschist Julius Schätzle beschreibt das "Baumhängen" folgendermaßen: "Bei diesem Hängen, kurz "Baum" genannt, wurden dem Verurteilten mit einer eisernen Kette die Hände nach hinten zusammengeschlossen. Dann musste er einen drei Stufen hohen Tritt erklettern. Der Henker nahm das andere Kettenende, klinkte es in einem an einem Balken angebrachten Haken ein und zog den Tritt dem Daraufstehenden mit einem Ruck unter den Füßen weg. Dieser schwebte nun mit nach hinten gerissenen Armen ungefähr 20 Zentimeter über dem Boden. Im allgemeinen dauerte diese Prozedur eine Stunde. Das Hängen war aber auch eine sehr beliebte Methode zur Erpressung von Aussagen. In einem solchen Falle hing schon mancher über zwei Stunden. Mancher bis zu seinem Tode. In der Regel trat der Tod zwischen der zweiten und vierten Stunde ein. Fürchterliche Schmerzen in den Schultern und Handgelenke waren die Folgen dieser Behandlung. Nur mühsam konnte die Lunge mit dem nötigen Sauerstoff versorgt werden. Das Herz arbeitete in einem rasenden Tempo. Aus allen Poren drang der Schweiß. Aber auch nach der Stunde dieses Fegefeuers zeigten sich noch üble Folgen. Der Häftling war nicht mehr in der Lage, seine Hände und Arme zu benützen, alles war gelähmt. Oft war eine wochenlange Behandlung im Revier notwendig, um diese Folgen zu beseitigen." (Julius Schätzle, Wir klagen an. Ein Bericht über den Kampf, das Leiden und Sterben in deutschen Konzentrationslagern, Kulturaufbau-Verlag, Stuttgart 1946) Der katholische Priester Hans Carls äußert sich über das Verhalten der SS bei diesen Folterungen: "Die SS war in der Regel zu mehreren zugegen. Sie rauchten ihre Zigaretten und spielten Karten. Wurde das Geschrei zu laut, drohten sie mit ihren Peitschen, schlugen sogar öfter die armen Gequälten, oder, was noch gemeiner war, bewegten sie hin- und her, um den Schmerz noch zu erhöhen." (Hans Carls, Dachau. Erinnerungen eines katholischen Geistlichen aus der Zeit seiner Gefangenschaft 1941-1945, Verlag J. P. Bachem, Köln 1946) Die SS schreckte auch nicht davor zurück, Häftlinge im Bunker umzubringen. Diese Morde wurden nicht selten als Selbstmorde ausgegeben. Der Alltag im Konzentrationslager Mauthausen war so ausgelegt, dass er den Häftling „zerstörte“, ihm seine Würde raubte und ihn so stark quälte wie möglich. Die Häftlinge mussten sich jedem Befehl unterordnen und die SS-Männer hatten eine unerschöpfliche Phantasie, was das „Zerstören“ und Demütigen der Häftlinge anging. Die Häftlinge mussten z.B. stundenlang strammstehen oder in der Nacht 10 bis 20 Mal aus den Fenstern springen und sich im Dreck wälzen und danach ihre Kleider waschen. Die Lebensbedingungen in Ebensee, einem der 52
Nebenlager des österreichischen Konzentrationslagers Mauthausen, waren
schlechter als die in allen anderen Nebenlagern. Während des langen
Winters vom November 1943 bis Juni 1944, wo erst die letzten
Schneereste verschwanden, mussten die Häftlinge zum Teil barfuß
bleiben, da es nicht genug Schuhe gab. Die Häftlinge waren auch sonst
mehr als unzureichend bekleidet. KZ Mauthausen
Ausbruch aus dem KZ Mauthausen (Österreich) Top Das Konzentrationslager Mauthausen war ein deutsches Konzentrationslager mit 52 Nebenlagern der Nationalsozialisten in Österreich. Grund für die Inbetriebnahme der Konzentrationslager Mauthausen, Flossenbürg und Gusen war der Erwerb und die Inbetriebnahme von Steinbrüchen. Bei Mauthausen lag ein Granitsteinbruch. Granit wurde zu dieser Zeit in großen Mengen für die sogenannten „Führerbauten“ benötigt und bei Mauthausen und Gusen kam noch dazu, dass Hitler vor hatte, Linz zu einer „Führer-Stadt“ zu machen, wofür auch Unmengen von Granit gebraucht wurden. Das Konzentrationslager Mauthausen war das
einzige KZ der Klasse drei auf dem Gebiet des Reiches, warum kann man
bis heute nicht sagen. Klasse drei bedeutete „Vernichtung durch
Arbeit“. Ein Grund dafür kann die isolierte Lage des
Konzentrationslagers an den Steinbrüchen sein. Wörtlich heißt es in dem
Erlass von Reinhard Heydrich (Chef der Sicherheitspolizei), die
Lagerstufe III sei „...für schwerbelastete, unverbesserliche und auch
gleichzeitig kriminell vorbestrafte und asoziale, das heißt kaum noch
erziehbare Schutzhäftlinge. Etwa 120.000 Häftlinge kamen so durch
Zwangsarbeit in den nahe gelegenen Granitsteinbrüchen um oder wurden
ermordet. Der im März 1944 vom Oberkommando der Deutschen Wehrmacht herausgegebene geheime Keitel-Erlass besagte, dass alle nicht-arbeitenden Kriegsgefangenen, Unteroffiziere und Offiziere, mit Ausnahme von Engländern und Amerikanern, die bei einem Fluchtversuch ertappt wurden, der so genannten „Aktion K“ zugeführt werden sollten. Das „K“ stand dabei für das Wort „Kugel“, was bedeutete, dass die Betroffenen mit einem Genickschuss hingerichtet werden sollten. Bei den meisten Gefangenen, die unter diesen Erlass fielen, handelte es sich um sowjetische Kriegsgefangene. Sie wurden entweder sofort liquidiert oder in das Lager der „Stufe III“, dass Konzentrationslager Mauthausen, eingewiesen. Insgesamt sind von März 1944 bis Februar 1945 etwa 4.700 „K-Häftlinge“ in das KZ Mauthausen in Österreich überstellt worden, ohne dass sie dort – im Gegensatz zur normalen Prozedur – namentlich erfasst wurden. Im KZ Mauthausen wurden die „K-Häftlinge“ im Block 20 untergebracht, der vom restlichen Häftlingsbereich durch eine 2,5 Meter hohe Steinmauer mit starkstromführendem Stacheldraht isoliert wurde. Bewacht wurde die Baracke von 2 mit Maschinengewehren ausgestatten Wachtürmen aus. Die Häftlinge bekamen kaum zu essen, ärztliche Versorgung gab es für sie keine. Die meisten wurden nicht wie vorgesehen erschossen, sondern zu Tode misshandelt oder man ließ sie verhungern. Im Januar 1945 plante eine Gruppe der gefangenen sowjetischen Offiziere den Ausbruch des gesamten Blocks aus dem Konzentrationslager, nachdem sie vernommen haben, dass der gesamte Block aufgrund der herannahenden Front in Kürze zur Gänze liquidiert werden sollte. Geplant wurde der Ausbruch für die Nacht von 28. auf den 29. Januar 1945. Der Ausbruchsversuch wurde aber offenbar verraten und am 27. Januar wurden unter 25 Häftlingen auch all jene ermordet, die diesen Plan aufgestellt hatten. Dennoch wurde der Ausbruch in der Nacht vom 1. auf den 2. Februar 1945 durchgeführt. Mit Feuerlöschern und Wurfgeschossen (Seife und Kohlestücke) wurden die Wachen auf den Wachtürmen außer Gefecht gesetzt, mit nassen Decken wurde der starkstromführende Stacheldraht kurzgeschlossen und die Häftlinge flüchteten über die Mauer. Etwa 75 Häftlinge konnten an der Flucht nicht teilnehmen, weil sie zu schwach dazu waren. 100 weitere starben noch vor der Überwindung der Außenmauer, beziehungsweise kurz danach. Die Zurückgebliebenen wurden noch in der selben Nacht von der SS ermordet. All jene, die die ersten Meter überlebt hatten, versuchten weiter in Richtung Norden, zur tschechischen Grenze zu fliehen. Von der SS wurde sofort eine Großfahnung eingeleitet, wobei die Weisung ausgegeben wurde, die „Wiederergriffenen nicht lebend ins Lager zurückzubringen“. Die folgende Menschenhatz, die ungefähr 3 Wochen dauerte, ging später unter dem von der SS geprägten Terminus „Mühlviertler Hasenjagd“ in die Geschichte ein. Beteiligt haben sich neben SS, SA und Hitlerjugend auch der Volkssturm und Teile der Bevölkerung. Mauthausen
Jüdischer Widerstand bei den Partisanen Top Europaweit waren Tausende untergetauchte Juden beteiligt am Partisanenkrieg gegen die deutschen Besatzer, insbesondere in Frankreich, Belgien, den Niederlanden, Italien, den Balkanstaaten und Griechenland, wo sich jüdische Partisanen meist den bestehenden Widerstandsgruppen anschlossen. In Osteuropa, vor allem im katholisch geprägten Polen, gelang es den aus den KZs und Ghettos entkommenen Juden eher selten, sich schon bestehenden Partisanengruppen anzuschließen, da dort oftmals auch unter NS-Gegnern antisemitische Ressentiments vorherrschten. Aufgrund dieses Umstands bildeten sich gerade in Polen stärker als in West- und Südeuropa eigene spezifisch jüdische Partisaneneinheiten, die trotz ihrer anfänglichen Unerfahrenheit schnell in den Ruf kamen, besonders entschlossene und motivierte Kämpfer gegen die Nazis zu sein, und die im weiteren Kriegsverlauf von der vorrückenden Roten Armee teilweise bevorzugt mit Waffen versorgt wurden. Insbesondere beim sogenannten „Schienenkrieg“, einer Serie von Anschlägen und Sabotageaktionen gegen Eisenbahntransporte der deutschen Wehrmacht an die Ostfront, traten jüdische Partisanengruppen gehäuft in Erscheinung und schlugen zeitweilig erhebliche Lücken in die Kriegsinfrastruktur der Deutschen. In der mit den Deutschen zusammenarbeitenden französischen Kolonie Algerien waren es jüdische Widerstandskämpfer, die bei der „Operation Fackel“ die als uneinnehmbar geltende Festung Algier von innen erstürmten, und damit einen entscheidenden Beitrag für die Landung der Alliierten und deren anschließenden erfolgreichen Feldzug gegen die deutsche Wehrmacht in Nordafrika leisteten. Viele Juden, die in den 1930er Jahren und zu Beginn des Krieges vor den Nazis ins sichere Ausland flüchten konnten, schlossen sich während des 2. Weltkrieges den regulären Truppen der verschiedenen Alliierten an. In vielen Armeen gab es eigene jüdische Einheiten in unterschiedlichen Waffengattungen, die als Soldaten gegen das NS-Regime kämpften. Nach dem Krieg dienten emigrierte deutsche Juden den Alliierten oft als Übersetzer im besetzten Deutschland. Ein prominentes Beispiel dafür ist der Schriftsteller Stefan Heym, der als Offizier der amerikanischen Armee nach Deutschland zurückkehrte. Schätzungen zufolge waren europaweit bis zu 1,5 Millionen Juden am regulären militärischen Kampf als auch im Untergrund als Partisanen aktiv am Widerstand gegen die nationalsozialistische Tyrannei beteiligt. Was wusste die deutsche Bevölkerung? Top Während sich die Ausgrenzung und Diskriminierung der Juden in Deutschland vor aller Augen vollzog, achtete das Hitler-Regime bei der so genannten „Endlösung“ auf strengste Geheimhaltung. SS-Angehörigen war es unter Androhung der Todesstrafe verboten, über die Ermordung von Juden oder Sinti und Roma zu berichten. Die Zahl der unmittelbar an den Verbrechen beteiligten Täter, zum Beispiel Angehörige von Wachmannschaften, Einsatzgruppen, Polizeibataillonen und Wehrmachtsteilen, wird auf etwa 300.000 geschätzt. Gegenüber der restlichen Bevölkerung wurden die Deportationen der Juden aus dem Reich offiziell als „Umsiedlungen“ bezeichnet. Ein Propagandafilm über das „Vorzeigeghetto“ Theresienstadt mit dem Titel „Der Führer schenkt den Juden eine Stadt“ suggerierte dieses Bild noch 1944, als viele Deutsche durch die sogenannte Flüsterpropaganda längst zu Mitwissern des Massenmords geworden waren. Eine Mehrheit der Deutschen nahm die Lüge von den angeblichen Umsiedlungen ohne zu fragen hin, obwohl solche Massendeportationen schon für sich genommen ein schweres Unrecht darstellten. Viele handelten so aus Angst vor dem NS-Terror, andere dagegen, weil sie von der antijüdischen Politik der Nazis profitierten oder ihre antisemitische Überzeugung teilten. Dass die „Umsiedlung“ tatsächlich Massenmord bedeutete, erfuhren manche Deutschen nur vom Hörensagen, etwa von Soldaten auf Heimaturlaub. Der Widerstandskämpfer Helmut James Graf von Moltke schrieb 1943: „Mindestens neun Zehntel der Bevölkerung weiß nicht, dass wir Hunderttausende von Juden umgebracht haben.“ Doch selbst das Zehntel, das zumindest ansatzweise Bescheid wusste, hat, von wenigen rühmlichen Ausnahmen abgesehen, nichts gegen den Holocaust unternommen. Erst nach Kriegsende erfuhr die Mehrheit der deutschen Bevölkerung das ganze Ausmaß der NS-Gräuel. Manchen wurden sie auf drastische Weise zur Kenntnis gebracht: So zwangen amerikanische Besatzungstruppen die Bevölkerung Weimars, an Führungen durch das benachbarte KZ Buchenwald teilzunehmen, von dessen Existenz jeder am Ort hatte wissen müssen. Doch selbst dann wollten einige die Verbrechen der Nazis nicht wahrhaben. Dabei waren diese nur die logische Folge dessen, was sich bis in die ersten Kriegsjahre hinein vor aller Augen in Deutschland abgespielt hatte. Niemandem konnte damals verborgen bleiben, dass die Juden nach und nach aus dem gesellschaftlichen Leben verschwanden. Antijüdische Maßnahmen wie der Boykott von jüdischen Geschäften seit 1933 und die reichsweiten Pogrome vom 9. November 1938 (Reichskristallnacht) fanden auf offener Straße statt. Jeder wusste Bescheid über zahllose Diskriminierungen und Einschränkungen, denen die Juden unterworfen waren: von den Nürnberger Rassegesetzen über Berufsverbote, den Judenstern, die Ghettoisierung und vieles mehr. Zudem kannte jeder Zeitungsleser und Radiohörer Hitlers mehrfach wiederholte Drohung vom 30. Januar 1939, nach der ein neuer Weltkrieg „die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa“ bedeuten würde. Lange vor der Machtergreifung hatte Hitler ähnliche Drohungen bereits in seinem Buch „Mein Kampf“ ausgestoßen, welches bis 1939 eine Auflage von 5,5 Millionen hatte. Bis 1943 waren in Deutschland nahezu 10 Millionen Exemplare verkauft worden. Obwohl das Buch seit 1936 in den Standesämtern verteilt wurde, drang es kaum in das Bewusstsein der Öffentlichkeit, weil es vor und nach der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 in Deutschland kaum gelesen wurde. Obwohl der Völkermord an den Juden eine logische Konsequenz der nationalsozialistischen Rassenpolitik war, glaubten damals und glauben noch heute manche Menschen, dass die Bilder und Berichte aus den Konzentrationslagern Bestandteil der britischen und amerikanischen Kriegspropaganda seien. Damals wie heute ist viel Nicht-Wissen über den Holocaust im Grunde ein Nicht-Wissen-Wollen, eine Verdrängung aus Angst, Scham oder Gleichgültigkeit. Dem widerspricht allerdings der US-Historiker Daniel Goldhagen, der die passive Haltung der allermeisten Deutschen gegenüber dem Holocaust aus einem tief in der deutschen Gesellschaft verwurzelten Antisemitismus erklärt und als grundsätzliche Zustimmung zum Vernichtungsprogramm der Nationalsozialisten beschreibt. Zu Beginn der institutionalisierten Verfolgung der jüdischen Bevölkerung profitierten viele Deutsche im Zuge von „Arisierungen“ direkt vom Leid ihrer jüdischen Nachbarn. Gegen Kriegsende ließ der Überlebenskampf in den zerbombten Städten kaum einen Gedanken an das noch größere Leid anderer Menschen aufkommen. In den zerstörten Städten ging immer wieder das Gerücht um, der Luftkrieg sei die Vergeltung für das, was man den Juden angetan habe. Dies wird zuweilen als Zeichen eines untergründigen Unrechtsbewusstseins interpretiert, war aber allzu oft auch Ausdruck einer zutiefst antisemitischen Haltung, nach der „die Juden an allem Schuld“ seien oder „Amerika kontrollieren“. Angesichts der Mittäterschaft oder Gleichgültigkeit der deutschen Bevölkerungsmehrheit sind die seltenen Taten jener nichtjüdischen Deutschen um so höher zu bewerten, die Juden halfen, zu überleben. Der heute wohl bekannteste Vertreter dieser kleinen Gruppe war Oskar Schindler, der rund 1.200 jüdische Zwangsarbeiter vor der Ermordung bewahrte.
Die Haltung der Alliierten Top Schon vor 1939, vor allem aber nach Kriegsbeginn kritisierten die Alliierten die nationalsozialistische Innenpolitik, darunter auch die Verfolgung von Juden und anderen Minderheiten. Trotzdem wurden die europäischen Juden nicht vor den vorrückenden Truppen der Achsenmächte evakuiert. Seit 1942 war ihnen die deutsche
Ausrottungspolitik bekannt; seitdem verurteilten sie diese äußerst
scharf und begründeten damit auch ihre Kriegsstrategie, ohne jedoch
gezielte Maßnahmen zur Verhinderung des weitergehenden Holocaust zu
ergreifen. Mitte Dezember 1942 sprachen die amerikanische und die
britische Regierung eine Warnung aus, dass „die Verantwortlichen einer
Vergeltung nicht entgehen“ würden. Dieses Vorgehen gegen die Täter im
Besonderen folgte aber erst nach Kriegsende. |